Börsen-Report

Reagierten Industrie und Handel so schnell auf wirtschaftspolitische Entscheidungen und Reden Wirtschaftsminister Schillers wie die Börse, für die er einen "Aufschwung nach Maß" vorausgesagt hat – wir brauchten uns um die Konjunktur keine Sorgen mehr zu machen. Doch die Börse ist der Entwicklung oft um eine Nasenlänge voraus. Was in den Kurssteigerungen am Aktienmarkt zum Ausdruck kommt, ist vorläufig nichts weiter als die Hoffnung, daß sich alles wieder zum Besseren wendet.

Wer jetzt schon Aktien gekauft hat oder noch überlegt, ob heute oder vielleicht morgen ein günstiger Tag zum Einsteigen ist, muß natürlich auch damit rechnen, daß es wieder einmal Rückschläge geben kann. Nur allzuschnell verfliegt an der Börse die gute, ja teilweise sogar euphorische Stimmung der letzten Tage, als die Aktienkurse nur den Weg nach oben kannten. Wenn noch für einige Wochen ein strenger Winter Einzug halten und die Arbeitslosenzahl rapide in die Höhe treiben sollte, sind auch Auswirkungen auf die Börsenstimmung nicht ausgeschlossen. Deswegen raten auch manche Banken ihren Kunden, den steigenden Kursen nicht blindlings nachzulaufen.

Grundlage für einen nachhaltigen Aufschwung aus der jahrelangen Börsenbaisse ist eine Rückkehr des Vertrauens breiter Anlegerschichten. Erste Ansätze dazu sind bereits zu beobachten. Die Telephone der Kundenberater bei den Banken klingeln wieder häufiger. Auch an den Effektenschaltern der Banken herrscht nicht mehr die gähnende Leere, die vielen Bankangestellten die Lust an ihrem Beruf zu verderben drohte. Mutige Kapitalanleger kaufen wieder. Bei einem Teil der Kundschaft setzt sich die Überzeugung durch, daß man die niedrigsten Kurse doch kaum erwischen kann und es vielleicht nicht einmal das Verkehrteste sei, mit seinen Papieren wie mit einem Paternoster erst durch den Keller sicher nach oben zu fahren.

Wie sich das Klima am Aktienmarkt verbessert hat, läßt sich am besten daran erkennen, daß zwei große Kapitaltransaktionen, von denen man noch vor kurzem einen kräftigen Druck auf die Börse befürchtet hatte, reibungslos über die Bühne gingen. Allen Unkenrufen zum Trotz konnte die Kapitalerhöhung der Farbenfabriken Bayer während der letzten Tage des Bezugsrechthandel noch glatt abgewickelt werden. Die Nachfrage nach jungen Bayer-Aktien, der nicht nur optisch, sondern auch von der Ertragskraft her gesehen billige Farbenwert hat sich wider Erwarten so belebt, daß die Bezugsrechte am letzten Tag ihren höchsten Kurs an der Börse erreichten.

Das zweite erfreuliche Ereignis ist das überaus lebhafte Interesse für die Wandelanleihe der Farbwerke Hoechst, das alle optimistischen Voraussagen übertrifft. Immerhin sind ja gut 300 Millionen Mark unterzubringen. Dieses Unternehmen hätte vor drei Wochen wahrscheinlich noch mit einem Mißerfolg geendet. Jetzt werden den Banken die Bezugsrechte aus der Hand gerissen. Aus einem Preis von 1,90 Mark für das Bezugsrecht errechnet sich immerhin schon ein Kurs von über 113 1/4 für die Wandelanleihe. Optimisten halten es sogar für möglich, daß die Bezugsrechte noch bis auf 2,50 Mark steigen; das ergäbe einen Kurs von 117,50 für die Wandelanleihe, der in Börsenkreisen vielfach als realistisch bezeichnet wird. Der Markt der Hoechster Bezugsrechte ist freilich ein Tummelplatz der Berufsspekulation. Denn mit kleinem Einsatz lassen sich hier große Gewinne erzielen.

Aber auch auf den anderen Marktgebieten ging es weiter aufwärts, wie der Aktienindex zeigt. Zu Beginn dieser Woche ist vor allem der Montanmarkt in den Vordergrund getreten. Hier haben Informationsdienste die Stimmung am Wochenende angeheizt. Erstmals seit langem sah man an den Maklertafeln des Montanmarktes wieder Pluszeichen. Die Montan-Phantasie wurde durch folgende Überlegung geweckt: Thyssen kürzt die Dividende "nur" um drei auf acht Prozent. Auch andere Stahlunternehmen werden trotz des rapiden Gewinnverfalls im letzten Jahr noch Dividende zahlen, wozu teilweise außerordentliche Erträge oder sogar Rücklagen herangezogen werden. Dies täte man nicht, so meint die Börse, mit der Gewißheit weiter schrumpfender Gewinne. Hinzu kommt, daß optisch niedrige Kurse, die größtenteils noch unter 100 liegen, die Neigung zum Aufbau spekulativer Engagements fördert. Mit relativ wenig Geld lassen sich unter Umständen recht große Gewinne erzielen.