Boris Blacher / Paul Dessau / Karl Amadeus Hartmann / Hans Werner Henze / Rudolf Wagner-Regeny: "Jüdische Chronik" und Dmitrij Schostakowitsch: "Aus jüdischer Volkspoesie"; Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig, Rundfunkchor Leipzig, Leitung: Herbert Kegel, und Städtisches Berliner Sinfonie-Orchester, Leitung: Kurt Sanderling; Wergo 60 023, 27,– DM

Dies geschieht heute: Auf den Planken vor den Neubauten, die errichtet werden über den Resten des Krieges, finden sich schwarze Kreuze, jedes ein vierfacher Galgen. An den Mauern der wenigen Synagogen sehen die Vorbeigehenden die mißbrauchten Sterne Davids. Auf den Friedhöfen der Juden sind die Grabmale der Verfolgten wieder umgestürzt, zertrümmert, und verunreinigt...

1960, zu einer Zeit, wo Grabschändungen und Schmierereien an deutschen Synagogen wieder von sich reden machten und die Geister sich daran schieden, verabredeten fünf deutsche Musiker und ein Dichter, drei aus Ost, drei aus West, eine Gemeinschaftsarbeit, eine Kantate, den jüdischen Opfern zum Gedenken, der Welt zur Mahnung. Der Text schildert in seinem vom eingangs zitierten Prolog und einem Epilog umrahmten Mittelteil den Aufstand der Bewohner des Warschauer Ghettos, er mündet in den Appell: "Seid wachsam!"

Engagierte Kunst also. An der Musik ist, viel mehr als die Tatsache, daß deutsche Komponisten aus Ost und West in ihrer musikalischen Sprache sich weit voneinander entfernt haben, erschreckend deutlich geworden, daß das grauenhafte Geschehen von Warschau und Treblinka nicht im entferntesten angemessen in Musik zu transponieren ist, weder durch lyrische Oboen-Soli noch durch wilde Schlagwerk-Kaskaden noch durch melodramatischen Sprechgesang. So entstand halt nur eine musikalische Stütze für den Text, streng syllabisch und objektivierend nüchtern beim einen, mit stärker expressiven Klängen und dramatischen Ansätzen beim anderen.

Aber es bleiben: die Warnung, die Erinnerung, die Mahnung. Muß man betonen, daß sie heute so wichtig sind wie 1960, wichtiger noch vielleicht und unaufschiebbar, daß es wichtiger ist, diese Platte herausbringen, eines Werkes, das im Westen bisher einmal aufgeführt wurde, wichtiger als die xte Aufnahme von Beethovens Fünfter?

Der Platte liegt eine technisch saubere und musikalisch ausgezeichnete Stereo-Aufnahme der VEB Deutsche Schallplatten zugrunde.

Heinz Josef Herbort