Von Dagmar Nick

Ich liebe die blühende Herrlichkeit Galiläas, in der ich lebe, ich liebe das Rote Meer, dieses blaue Fanal am südlichsten Ende des Landes Israel – aber über alles liebe ich zwischen Galiläa und Rotem Meer die Wüste Negev, das Urland, dessen Weite alle Horizonte sprengt und dessen Antlitz die ganze Schöpfung widerspiegelt vom ersten bis zum siebenten Tag. Chaos und werdende Fruchtbarkeit und die Felder gezähmter Wildnis.

Da ist Ursprung zu spüren in jeder Krume, in jedem aus der Landschaft aufbrechenden Krater, die Stunde vor der Erschaffung des Menschen, in der noch alles bereit ist, gut zu sein. Dann die Zeit nach der versickerten Sündflut: wo die Urstromtäler aus Felswänden stürzen, leere Flußbetten, Sandschlieren über gelbe Lößhügel gezogen, als wären die Wassermassen gerade erst abgeflossen. Durch mondbleiche Kalkgebirge sind Ketten aus rotem Porphyr magmatisch hochgedrungen, das Alter der Erde tritt in allen Schichten zutage, riesig gähnen die Rachen der Machteschim, der "Mörser", kilometerbreite Erdeinbrüche inmitten einer horizontalgebänderten Steinöde.

Erregung überfällt einen am Rande des unerwarteten Abgrunds, man blickt hinab in diese gewaltigen Kessel, an deren Sohle sich sämtliche Ockertöne der Wüste vereinigen, von phosphoreszierendem Grün und manganvioletten Inseln überlagert. Dort schlummern noch unerschöpfliche Rohstoffe. Serpentinen schlingen sich an den ausgewetterten Sandsteinwänden hinunter. Es ist, als führe man in surrealistische Traumbereiche hinein, deren Farben und Formationen sich immer aufs neue überschneiden. Man geht über Wälder versteinerter Farne, über die in den Boden geprägten Skelette verschollener Tiere. Man ist bestürzt vor so viel Kraft und Herrlichkeit einer nur scheinbar toten Welt. Sie ist nicht tot. An den Steilhängen bauen die Bergstelzen ihre Nester.

Der Morgen kommt schnell und erfrischt mit glasreinen Farben. Die blauen Schatten in den Schluchten bewegen sich, flattern auf, schwinden. Gegen Mittag wird das Licht dunstig und schwer. Atemlos hängt die Hitze über den Tälern. Zitternde Stille an den Flanken beingrauer Hügel, die der Wind in Jahrhunderten zu gleichförmigen Trapezen geschliffen hat. Abends legt sich ein bräunlicher Samtschimmer auf die Gipfel, und die bizarren Schatten der Felsriste schlagen lang in die Ebenen hin. Wie liebe ich diese Ebenen, wenn sie unter der sinkenden Sonne für eine kurze Zeitspanne aufflammen und den Himmel mit einbeziehen in ihr kühler werdendes Blühen! Bald hebt sich der Mond aus der kristallklaren Luft. Man glaubt immer, auch seine verdunkelte Seite zu sehen, die Rundung, die seine Lichtschale ergänzt. Mit der Dämmerung schwemmen purpurne Schleier herab, ein rasches Vorüberwehen, dann senkt sich der Himmel, die Nacht, metallisch und hart.

Wo vereinzelte Brunnen nach Grundwasser tauchen, die Wüstenbrunnen des Mose, wo die Wadis noch weit ins Frühjahr hinein ein wenig vom Winterregen bewahren und runde Dornpolster sich an den Boden klammern, haben die Nomaden ihre Zelte aufgestellt, flachgestreckte lumpige Zelte aus schwarzem Ziegenhaar gewebt. Ruhig ziehen die Herden durch die eingeschluchteten Täler, in denen nach der Regenzeit das Unkraut in dichten Büscheln aufschießt. Bis der letzte vergilbte Halm abgerupft ist, bleiben sie hier.

Später treibt sie die Sommerdürre in den Norden hinauf, oft bis in die Berge Galiläas. Die schwarzen Zelte wandern mit, die erdigen Kinder, die Hirten im weißen Burnus und die Frauen in ihren knöchellangen schwarzen Gewändern, den schwarzen Wollschleier über Mund und Stirn, klirrend der Schmuck. Wenn sie ausschreiten, guckt der rote Saum des Unterkleides hervor, goldbestickt. Ihre Gesichter, von der Wüste gezeichnet, zeichnen wiederum das Gesicht dieser Wüste mit wenigen knappen Strichen. Da bestellen die Beduinen die ihnen zugeteilten Felder wie eh und je mit dem Handpflug, der manchmal nur aus einer knorrigen Wurzelgabel besteht, und wissen aus den Zeichen zwischen Himmel und Erde abzulesen, wann die Stunde für die Aussaat gekommen ist und ob es ein mageres oder fettes Jahr geben wird.