Diese Ausstellung hat ihre Prätentionen. Nicht gerade in einem Vakuum der Kunst und Kunstdiskussion, aber unbeschwert vom Ruf einer Kunststadt präsentiert Nürnberg diese Ausstellung als ersten Teil eines Fünf-Jahres-Planes der Künste und Kunstförderung. 1971 nämlich wird man das Dürer-Jahr feiern, und dieser 500. Geburtstag soll ein Anreiz sein, eine Aufforderung, die Gegenwart an der Tradition zu überprüfen. Eine Kunststadt soll er aus dem Fast-Nichts ermöglichen helfen, durch einen Quantensprung, von dem man in der Stadt bereits spricht. "Dürer macht’s möglich" – der Werbeslogan beweist Intelligenz, soweit man unter Intelligenz heute die Planung des Erfolgs versteht und dessen Manipulierbarkeit nicht aus-, sondern einschließt. Die Trivialformel wird weniger ästhetisch aufgeladen, als in ihrem suggerierten Erfolgswert genommen.

Nicht auf eine Formel zu bringen ist das Programm selbst, das in ihrem Schatten antritt. Wird das Plansoll geschafft, dann wird man in fünf Jahren Nürnberg ein Mekka der deutschen Kunstlandschaft nennen. ("Das Geld hoff ich, ein Gott will, alls zu ersporen", Dürer dixit.)

Der Anfang fasziniert, weil hier ein Mann der Politik dem Mann der Kunst plein pouvoir für eine progressive Kunstförderung gibt und ein Kulturreferent Kunst als Provokation zu einem "neuen Sehen" begreift. Dr. Urschlechter, der OB Nürnbergs, stellt sich und seinen Stadtrat vorbehaltlos hinter ein Programm, das, unter anderem, ein "Europäisches Institut für bildende Kunst" vorsieht, ein Archiv, von dem 70 bis 100 Künstler betreut werden sollen, das Vierteljahreswochen als ein Forum der Kunst heute veranstalten will. An Ausstellungen der Kunsthalle Nürnberg sind ab 1968 geplant: "Was ist der Mensch?" (500 Bilder und Plastiken menschlicher Köpfe, nur Köpfe), "Mondrian-Arp-Schlemmer-Feininger", "Die Theorien der Maler ihren Werken gegenübergestellt" (von Leonardo bis jetzt). Die osteuropäischen Länder sollen ab 1969 auf einer "Biennale Ost" ein Forum bekommen. Die Sammlung der Kunsthalle soll thematisch angelegt werden unter den drei dominierenden Themen: "Licht und Farbe", "Menschenbild", "Schrift und Bild". Der informierte Leser wird in der dritten Gruppierung die Hand des neuen Mannes in Nürnberg erkennen: Dietrich Mahlow, der eine gleichlautende Ausstellung als Resümee des Informel 1963 in der Kunsthalle Baden-Baden präsentierte, die er zehn Jahre hindurch geleitet hat.

"Etappen im Werk von David Smith" – diese erste Ausstellung der Kunsthalle, die am 17. Januar eröffnete, ist eine Übernahme aus der Kunsthalle Basel, eine Übersicht, die in Deutschland außerdem nur noch in Duisburg (April/Mai) gezeigt wird.

Wer war dieser David Smith, der, überraschend für manchen deutschen Betrachter (der sich etwa an Calder erinnert), als der "größte, amerikanische Bildhauer" vorgestellt wird? Frank O’Hara, mit Smith freundschaftlich verbunden, schilden ihn so: "Gelegentlich einer Party oderseiner Vernissage in New York erschien Smith als großer, grobschlächtiger, freimütiger Kunsthandwerker im Sinne von Whitman oder Dreiser; weder beeindruckt noch amüsiert durch das oberflächliche Getue, hatte er etwas vom Elefanten im Porzellanladen an sich." Die Berge, von denen er solcherart in die Stadt herabstieg, waren die von Bolton Landing im Norden des Staates New York. Smith hatte sich dort 1929 eine Farm gekauft, hier entstand der Großteil seiner Plastiken.

Seine Entwicklung, auf einige Daten reduziert: 1930 sieht der Maler David Smith in den Cahiers d’Art (damals eine der vorzüglichsten Informationsquellen der noch unterinformierten Künstler des Landes) Reproduktionen der Eisenplastiken von Gonzalez und Picasso. In seiner eigenen Malerei wird die Leinwand mehr und mehr zur Basis von Bild- und Materialmontagen, Die Malerei wird zur Skulptur. 1932 beginnt Smith mit geschweißten Stahlfiguren. Von Anfang an arbeitet er in mehreren Schichten, neben eine Serie (er liebt die Variationen eines Themas) tritt oft gleichzeitig eine andere, was den Betrachter verwirrt. 1935 erweitert Smith auf einer Europa-Reise die Kenntnis der europäischen Tradition und Avantgarde (Kubismus und Surrealismus). Damals, so meinte er später, "hielten wir alle nach einer Art utopischer Institution Ausschau, wo man unsere Werke schätzen würde, Das einzige, was ich dabei erkannte, war, daß ich hierher gehörte".Mit Arshile Gorky, de Kooning, Stuart Davis begründete er das Selbstbewußtsein der nordamerikanischen Kunst.

Das Werk Smiths bis zur "Agricola"-Serie (1951-53), bis zur Reihe der "Tank-Totems" (Mitte der fünfziger Jahre) ist in Nürnberg nur mit wenigen Exemplaren belegt, und doch mag man, mit Clement Greenberg, der Meinung sein, daß Smith bereits damals genug geleistet hatte, was ihn als besten Plastiker seiner Generation (er ist 1906 geboren) auswies. 1962 wurde Smith zum Festival zweier Welten nach Spoleto eingeladen und führte mit Hilfe der Arbeiter der Fabrik Italsider in Voltri 26 Plastiken in 30 Tagen aus. Die Plastiken basieren zum Teil auf einfachen Gestaltzeichen, Smith reduziert nun häufig die frühere Komplexheit, wobei ihm der Umgang mit vorgeformtem Material (wie er es in den Fabriken findet) hilfreich ist. Geometrische Elemente verwendet er undogmatisch, er liebt ihre Unmittelbarkeit – man mag hier die Freundschaft mit Kenneth Noland ablesen –, überdies verhelfen sie ihm, eine plastische Ökonomie durchzuhalten.

Manches wäre darüber zu sagen, wie Smith die Farbe verwendet, Autolack, den er auf einen grundierten Stahl streicht: "Ich liebe die Vorstellung, daß ich eine Verbindung zwischen dieser Form und ihrer Farbe finden kann." 1963; zwei Jahre vor seinem Tod (wie Pollock stirbt Smith bei einem Autounfall), beginnt er die Cubi-Reihe, quader-, Scheiben- und zylinderartige Teile aus rostfreiem Stahl. Was Smith hier realisierte, gehört zu den intensivsten und freiesten plastischen Formen unserer Zeit, intensiv sowohl in sich wie auch als eine Art Konzentrat seiner Entwicklung über vier Jahrzehnte hinweg, frei, weil sie vollkommen individuelle Lösungen repräsentieren, einem Diktat von Mode oder Stil nicht unterworfen. Dabei steht er mit ihnen mitten in der Problematik der heute etwa Dreißigjährigen (besonders in England). Sieben der insgesamt 22 Cubi einer Reihe, die bei seinem Tod noch nicht abgeschlossen oder erschöpft war, sind in Nürnberg zu sehen. Jürgen Claus