Von Marion Gräfin Dönhoff

Es gibt merkwürdige Widersprüche in der Politik: Adam Rapacki, Polens Außenminister, der jenem Plan seinen Namen gab, welcher seit einem Jahrzehnt die Entnuklearisierung Zentraleuropas fordert, um auf diese Weise zur Entspannung zu gelangen, ist nun, da endlich die Bundesrepublik auf Entspannung eingeschwenkt ist, härter denn je. Die Forderungen, die er stellt, blockieren ganz einfach jene lang herbeigesehnte Entwicklung.

Und auch dies: Als Außenminister Schröder vor fünf Monaten im September 1966 diplomatische Beziehungen mit Rumänien aufnehmen wollte und Minister Schmücker zu diesem Zweck nach Bukarest gereist war, legte Franz Josef Strauß sich ins Zeug und vereitelte dieses Vorhaben; heute aber gehört er jener Regierung an, die gefeiert wird, weil es ihr gelang, diplomatische Beziehungen mit Rumänien aufzunehmen. Strauß triumphiert sozusagen über seinen eigenen Einspruch.

Nun, Widersprüche hin oder her, wer könnte sich mehr über diesen Schritt freuen, als diejenigen, die seit Jahren die Regierung in Bonn und die deutsche Öffentlichkeit beschworen haben, doch die Ostpolitik nicht zu vergessen, vielmehr daran zu denken, daß wir in der Mitte Europas angesiedelt sind und daß darum unsere Welt nicht am Eisernen Vorhang enden darf? Die ZEIT ist im letzten Jahrzehnt – präzis gesagt seit 1956 – nicht müde geworden, immer wieder auf die Veränderungen im Osten hinzuweisen, auf Stalins Tod, den XX. Parteikongreß, die Ereignisse in Ungarn, die Entwicklung in Jugoslawien – und daraus zu folgern, daß es Zeit sei, auf diese Ereignisse mit einer neuen Politik zu reagieren.

Nun ist also endlich – dem Himmel und der Großen Koalition sei Dank – ein sichtbarer Anfang gesetzt. Der Bann ist gebrochen, die Bremsklötze wurden beseitigt, in die deutsche Außenpolitik ist Bewegung gekommen. Mit Rumänien sind diplomatische Beziehungen aufgenommen worden, Ungarn dürfte sehr bald folgen, und auch mit Prag scheint in den wesentlichen Punkten Einigkeit erzielt worden zu sein; es fragt sich nur, wieweit sich die beiden durch das wütende Störfeuer von Moskau und Ostberlin einschüchtern lassen und den endgültigen Schritt noch verzögern.

Gewiß könnte man voller Skepsis fragen: Was bedeuten schon diplomatische Beziehungen? Vor zwölf Jahren haben wir mit Moskau Botschafter ausgetauscht, und dennoch sind die Beziehungen eisig, wie die furiose sowjetische Note der letzten Woche von neuem beweist. Wir haben vor zehn Jahren die Botschaft in Belgrad geschlossen, weil Tito Ostberlin anerkannte, und haben trotzdem sehr gute und vielfältige Beziehungen mit Jugoslawien: 800 000 Bundesbürger reisten im vorigen Jahr dorthin, die Hälfte aller jugoslawischen Arbeiter, die im Ausland arbeiten, befindet sich in der Bundesrepublik. Der wirtschaftliche Austausch nimmt ständig zu, und seit neuestem kann man mit jugoslawischen Städten im Durchwahlverkehr telephonieren.

Ausgleich der Interessen