London, Anfang Februar

Emanuel Shinwell, einer der Rüstigsten unter den Greisen in der europäischen Politik, hat noch einmal einen Versuch unternommen, Englands EWG-Beitritt zu blockieren. Aufgezäumt an einem persönlichen Zank innerhalb einer harmlosen Fraktionssitzung der Labour Party im Unterhaus, soll Shinwells Vorstoß die Gegner der Wilsonschen Europa-Politik wachrütteln. Ihre Argumente sollen, so verlangt Shinwell, gleichberechtigt neben denen der Befürworter eines Beitritts zu hören sein.

Ob er zu solchem Aufbäumen in letzter Stunde durch geheime Informationen über den Stand der Wilsonschen Tour d’Europe veranlaßt wurde, oder ob ihn ganz einfach der Umstand schreckt, daß nach den jüngsten Umfragen sechzig Prozent aller Engländer diesen Beitritt gutheißen – darüber schweigt sich der kraftstrotzende Eigenbrötler aus.

Shinwell weiß, daß die Regierung jetzt keinen Skandal erleben möchte. Und der Rücktritt eines Fraktionsvorsitzenden, vor allem, wenn er gezwungen wird, ist eben ein Politikum. Daher weigert sich Shinwell, selbst gutgemeinte Ratschläge anzunehmen.

Er kann die im November fällige Neuwahl für sein Amt eigentlich nicht überstehen, aber bis dahin, so glaubt er, ist die Europa-Frage so oder so entschieden. Sollte er sich als der prophetische Warner der Fraktion erweisen, dann hat er sogar eine Chance, wiedergewählt zu werden. Shinwell, der noch zur Zeit der Queen Victoria zur Schule ging, arbeitete bereits in der Labour Party, als Harold Wilson und George Brown noch nicht einmal geboren waren. Er trägt, obwohl er es leugnen würde, einen Generationenstreit in die Fraktion, und sein besonderer Zorn gilt nicht den Männern wie George Brown, die immer für ein europäisches England plädierten, sondern denjenigen, die früher gegen die EWG waren, sich aber nun bekehrt haben. Richard Crossman ist einer von ihnen.

Shinwells Devise vom unbeirrten Festhalten an "guten alten Traditionen" mag eine irreale Vorstellung vom Wesen der Politik sein, doch einen 82jährigen Mann ändert niemand mehr. Wie stark ist sein Anhang, und droht hier dem Beitrittswillen der Regierung Wilson ein gefährlicher Stoß in den Rücken? Schmiedet die Shinwell-Minorität eine Waffe, die de Gaulle zu gegebener Zeit benutzen wird?

Wie immer, so schwanken auch hier die Zahlenangaben, da sie zwischen nur Sympathisierenden und fest Entschlossenen nicht genau genug unterscheiden. Weit gegriffen scheint jedoch eine Gruppe von gut siebzig Abgeordneten unzufrieden mit Wilsons Europakurs zu sein. Wie viele von ihnen Shinwell in einem Prinzipienstreit unterstützen würden, obwohl sie längst einen jüngeren Mann auf seinem Posten wünschen, ist nicht vorherzusehen. Wie viele in einer Plenarabstimmung über den genauen Text eines konkreten britischen Beitrittsgesuchs – zweifellos eine Frage schärfsten Fraktionszwanges – gegen Wilsons Politik aufstehen würden, steht dahin.