/ Von Bernhard Grzimek

Wenn Leute die Elefanten, Giraffen, Löwen Ostafrikas und das Meer der Gnu- und Zebraherden der Serengeti bewundert haben, begeistern sie sich für freilebende Wildtiere und fragen oft: Wo sonst auf Erden kann man so etwas noch sehen? Das habe ich mich auch gefragt. Deswegen war ich in Australien, auf Neuguinea, in der Sowjetunion, in Kanada und wo man sonst auf dieser Welt noch unausgebeutete Natur zu finden hofft. Unlängst war ich in Peru.

In der Hauptstadt Lima, knapp drei Millionen Einwohner, fand ich zwar Anfänge eines großzügig angelegten Zoos – aber ringsum im Lande sah ich Wüste, kahle, baumlose, ja pflanzenlose Berge. Robben an der Küste sind nicht mehr zu sehen, nur wenige sollen scheu auf umbrandeten Klippen weiter draußen im Meer hausen. Selbst die Zahl der weltberühmten Guano-Vögel auf den 48 peruanischen Inseln verminderte sich 1965 von 21 Millionen auf drei Millionen.

Vermutlich hängt das mit dem Rückzug ihrer Nahrungsfische; der Anshovetas, einer Sardellenart, zusammen. Und obwohl um diese Guano-Inseln Schutzzonen liegen, holten die Fischer diese Tiere für die Fischmehlindustrie weg und verringerten so die Nahrung der Vogelheere Doch die Bauern Perus düngten ihre Felder ausschließlich mit Guano, dem Vogelmist auf den Brutinseln der Vögel. Um für diese jährlich 55 000 Tonnen natürlichen Stickstoff- und Phosphatdünger nun Kunstdünger einzuführen, müßte man über vierhundert Millionen Mark im Jahr aufwenden.

Ähnlich ist es mit Vikugnas. Sie leben nur in der Nähe der Schneegrenze in den Kordilleren, für gewöhnlich über 4000 Meter hoch, weil sie nahrhafteres Gras brauchen als die gewöhnlichen Lamas, die mit dem gelben stachligen Ichu-Gras der Wüsten zufrieden sind. Weil die Vikugnasfelle so ungemein hoch bezahlt werden, sind die Tiere im ganzen Land trotz der Schutzgesetze praktisch ausgerottet bis auf ein Reservat im Süden des Landes.

Peru hat sich auch nicht dem internationalen Abkommen über die Beschränkung der Jagd auf Wale angeschlossen. So werden hier dicht an der peruanischen Küste sogar die großen Blauwale umgebracht, von denen nur noch wenige Hundert, in allen Meeren der Welt zusammengenommen, leben.

Ich flog über die Vorberge der Anden, die zum Pazifik hin alle kahl und ohne jede Pflanzendecke sind, immer höher über die riesigen Bergketten hinweg und über unendliche Urwälder und kraus gewundene Flüsse hinweg bis an den Oberlauf des Amazonas, in die Stadt Iquitos. Das dauerte dreieinhalb Stunden; bevor man die Flugzeuge erfunden hatte, brauchte man zu dieser Reise gut vierzig Tage. Überdies mußte man die Anden zu Fuß hinauf- und hinunterklettern und dann im Kanu wochenlang die Flüsse hinunterpaddeln. Allerdings machten das nur beherzte, kräftige und – arme Leute. Der gewöhnliche Weg von der Hauptstadt Lima zur Provinz-Hauptstadt Iquitos im gleichen Lande Peru ging mit dem Dampfer durch den Panamakanal über New York, England und zurück vom Atlantik aus den Amazonas hinauf. Das dauerte nicht länger und war sehr, sehr viel bequemer. Wohl weil der Weg von der kultivierten alten Hauptstadt Lima bis nach Iquitos so weit und so beschwerlich war, konnten hier so grausige Dinge vor sich gehen.