Von Giselher Schmidt

Rosa Luxemburg: Politische Schriften. Herausgegeben von Ossip K. Flechtheim. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt – Europa Verlag, Wien; Band I: 240 Seiten, Band II: 212 Seiten, je Band 12,– DM

Sei es der schöngeistige Sozialdemokrat Carlo Schmid, der als Ordinarius für Politische Wissenschaft an der Frankfurter Universität bei der Interpretation der Werke Rosa Luxemburgs mit gehobener Stimme von der zarten und großartigen Frau sprach; sei es der liberal-konservative Politikwissenschaftler Michael Freund, der Rosa Luxemburg in seinem Sammelband "Der Liberalismus" berücksichtigte; seien es die sozialistischen Jugendlichen in einem Stadtteil Westberlins, die ihre "Falken"-Gruppe nach Rosa Luxemburg benannten; oder sei es der radikal-demokratische Poeta doctus Walter Jens, der wegen seines Fernsehdramas "Die rote Rosa" sowohl von der DDR-Presse als auch von manchen rechtsorientierten Zeitungen in der BRD kartätscht wurde: sie alle verneigen sich vor der Frau, die am 5. März 1871 als Tochter eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns in dem russisch-polnischen Zamosc geboren wurde und die einen großen Einfluß auf die Entwicklung des deutschen Sozialismus nehmen und schließlich im aufgewühlten Januar 1919 unter den blutigen Händen der Soldateska einen grausamen und heute noch ungesühnten Tod finden sollte.

Viele Bürgerliche identifizieren Rosa Luxemburg noch einseitig mit der von ihr mitgegründeten Kommunistischen Partei. Kommunistische Doktrinäre hingegen verurteilen ihren unerschütterlichen Glauben an die Masse und an die revolutionierende Kraft von Massenaktionen, der so sehr der Leninschen Lehre von dem avantgardistischen und elitären Charakter der Partei widerstreitet, als "Luxemburgismus". (Kennzeichnend für diese vom offiziellen Kommunismus Leninscher Provenienz abweichende Weltanschauung Rosa Luxemburgs sind etwa Sätze wie "Die Überschätzung und die falsche Einschätzung der Rolle der Organisation im Klassenkampf des Proletariats wird gewöhnlich ergänzt durch die Geringschätzung der unorganisierten Proletariermasse und ihrer politischen Reife". Oder: "Die Massen sind das Entscheidende, sie sind der Fels, auf dem der Endsieg der Revolution errichtet wird.")

Es ist deswegen sehr zu begrüßen, daß der Berliner Politologe Ossip K. Flechtheim im Rahmen der Reihe "Politische Texte" ausgewählte politische Schriften von dieser großen und umstrittenen Frau herausgebracht hat. Der erste Band enthält die gegen den bekannten sozialdemokratischen "Revisionisten" Eduard Bernstein gerichtete Streitschrift "Sozialreform oder Revolution?" und die Schrift "Massenstreik, Partei und Gewerkschaften". Insbesondere "Sozialreform oder Revolution?" offenbart den fundamentalen Gegensatz zwischen reformistischen Sozialdemokraten, die Reformen als Wert an sich betrachten, die "durch bloßen gewerkschaftlichen und politischen Kampf die sozialistische Ordnung" einführen wollen, und revolutionären Sozialisten, die Reformen nur als ein Mittel zum Zweck ansehen; für sie "besteht die sozialistische Bedeutung des gewerkschaftlichen und politischen Kampfes darin, daß er das Proletariat, das heißt, den subjektiven Faktor der sozialistischen Umwälzung zu deren Durchführung vorbereitet" (Bd. I, S. 82).

Zwiespältig ist das Verhältnis Rosa Luxemburgs zu Parlamentarismus und Demokratie. Im ähnlichen Sinne, wie sie sich in dem Essay über den "Massenstreik" skeptisch zur Schulung der Sozialisten durch parlamentarische Arbeit äußert, spricht sie in "Sozialreform oder Revolution?" despektierlich vom "Hühnerstall des bürgerlichen Parlamentarismus" und behauptet, daß die Wand zwischen kapitalistischer und sozialistischer Gesellschaft "durch die Entwicklung der Sozialreformen wie der Demokratie nicht durchlöchert, sondern umgekehrt fester, starrer gemacht" werde. Einmal meint sie, daß nicht die "Schicksale der sozialistischen Bewegung an die bürgerliche Demokratie, sondern umgekehrt die Schicksale der demokratischen Entwicklung an die sozialistische Bewegung gebunden sind". Dann konzediert sie aber, ganz im Gegensatz zu dieser Äußerung, daß die sozialistische Bewegung die Demokratie zur Voraussetzung haben muß: "Ist die Demokratie für die Bourgeoisie teils überflüssig, teils hinderlich geworden, so ist sie für die Arbeiterklasse dafür notwendig und unentbehrlich. Sie ist erstens notwendig, weil sie politische Formen ... schafft, die als Ansätze und Stützpunkte für das Proletariat bei seiner Umgestaltung der bürgerlichen Gesellschaft dienen werden. Sie ist aber zweitens unentbehrlich, weil nur in ihr, in dem Kampfe um die Demokratie, in der Ausübung ihrer Rechte das Proletariat zum Bewußtsein seiner Klasseninteressen und seiner geschichtlichen Aufgaben kommen kann." (Bd. I, S. 118)

Rosa Luxemburg ist nicht nur eine Moralistin (ganz im Sinne der französischen Moralisten), sondern auch eine Stilistin von hohen Graden. Viele ihrer Formulierungen zeichnen sich durch aphoristische Prägnanz und durch Swiftsche Schärfe aus. In ihren Frühschriften unterscheidet sie sich im Ton ihrer subtil-geistvollen Polemik gegen Andersdenkende sehr erfreulich von den Schimpfkanonaden etwa eines Lenin oder gar eines Stalin. So entgegnet sie zum Beispiel Bernstein: "Da sind wir glücklich bei dem Prinzip der Gerechtigkeit angelangt, bei diesem alten, seit Jahrtausenden von allen Weltverbesserern in Ermangelung sicherer geschichtlicher Beförderungsmittel, gerittenen Renner, bei der klapprigen Rosinante, auf der alle Don Quichottes der Geschichte zur großen Weltreform hinausritten, um schließlich nichts anderes heimzubringen als ein blaues Auge" (Bd. I, S. 106). Oder an einer anderen Stelle heißt es: "Die gesetzliche Reform und die Revolution sind also nicht verschiedene Methoden des geschichtlichen Fortschritts, die man in dem Geschichtsbüffet nach Belieben wie heiße Würstchen oder kalte Würstchen auswählen kann..." (Bd. I, S. 113). Ihre Diktion hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Rhetorik eines ganz anders denkenden Sozialisten, nämlich mit der Kurt Schumachers.