Von Hang von Kuenheim

Hildesheim

Die Zeitungen schrieben vom "Schwarzen Peter". Und in der Tat, Hartwig Becker, Landgerichtsdirektor und Vorsitzender des Hildesheimer Schwurgerichts, wirkte wie jemand, dem man ("ach, sei doch so gut – spiel für mich zu Ende") ein schlechtes Blatt in die Hand gedrückt hat, "sieh zu, was du damit machst!"

Hartwig Becker versuchte es. Vor Beginn der Verhandlung vergatterte er die dreizehn erschienenen Presseleute: "Dies ist ein Fall wie jeder andere. Der einzige Unterschied: Der Angeklagte ist schwarz. Aber das ist für die Beurteilung des Falles gleichgültig."

Es war ihm anzusehen: Er wünschte, den Prozeß ohne Aufsehen und Pannen über die Bühne zu bringen. Hart, aber gerecht wollte er sein; ein guter Richter im Angesicht der Hildesheimer Bürger; aber gleichzeitig wollte er loyal sein. Auch der farbige Beobachter der nigerianischen Botschaft aus Bonn sollte sein Bemühen anerkennen müssen.

Verhandelt wird in der Sache Peter Amaigon Chukwu. Der 24jährige Student aus Nigeria hatte am Montag, dem 20. September 1965, Erika Ruta, 25 Jahre alt, eine in Hildesheim bekannte Prostituierte, mit zehn Messerstichen tödlich verletzt. (Ihr Paß wies sie als "Schädlingsbekämpferin" aus.) Peter Chukwu ist der Täter, daran ist kaum zu zweifeln, auch wenn der Kronzeuge der Anklage, der geschiedene Ehemann von Erika Ruta, wegen einiger Vorstrafen nicht mehr eidesfähig ist.

Schon im Januar vorigen Jahres hatte man dem farbigen Studenten den Prozeß gemacht. Doch das Schwurgericht hatte bald aufgesteckt. Peter Chukwu, dessen Fähigkeit, sich auf deutsch auszudrücken, begrenzt ist und dessen Englischkenntnisse nur mäßig sind, hatte einen Dolmetscher begehrt, der seiner Stammessprache mächtig sei, des Ibo. Denn es gebe Dinge, so Peter Chukwu, die er nur auf Ibo erklären und verständlich machen könne. Die Verhandlung war vertagt worden, und Dr. Topf, Oberstaatsanwalt von Hildesheim, hatte sich auf die Suche nach einem Ibo-Dolmetscher gemacht.