Das Ziel der amerikanischen Südvietnam-Politik war es, wie Eisenhower an Diem geschrieben hatte, "alle diejenigen abzuschrecken, die versucht sein könnten, Ihrem freien Volk eine fremde Ideologie aufzuzwingen". Daß die Ideologie so fremd oder das Volk so frei sein sollte, war zwar nicht so klar; aber Eisenhowers Formulierung umriß die Haltung, mit der Washington sich auf das Vietnam-Abenteuer einließ: Sie war im wesentlichen moralistisch bestimmt. Das Engagement in Südvietnam ergab sich, ebenso wie der parallele Versuch, aus dem schläfrig-verträumten Laos ein Bollwerk westlicher Macht zu machen, unmittelbar aus der Dulles-Konzeption einer unwiderruflich in zwei monolithische Blöcke gespaltenen Welt.

Aus diesem Grund bestärkte Washington Saigon in dem Entschluß, die Bestimmung des Genfer Abkommens zur Abhaltung von gesamtvietnamesischen Wahlen im Jahr 1956 zu ignorieren. In der Debatte späterer Jahre ist die Bedeutung dieser Wahlen allerdings weit übertrieben worden. Denn wenn auch Präsident Eisenhower in seinen Memoiren erwähnte, daß Ho Tschi Minh wohl achtzig Prozent der Stimmen erhalten hätte, so zeigte Ho selbst doch nie das geringste Interesse, auf seiner Seite des 17. Breitengrades freie Wahlen zu gestatten. So wurde die De-facto-Teilung zur politischen Spaltung, und die Regierungen in Saigon und Hanoi begannen, die Position ihrer Staaten aufzubauen.

Südlich des 17. Breitengrades gingen die Vereinigten Staaten von der Annahme aus, daß wirtschaftliche und politische Unterstützung allein ausreichen würde, um den Fortbestand Südvietnams als eines unabhängigen Staates zu sichern. Zu jener Zeit war diese Beurteilung der Lage durchaus plausibel. Wenige von denen, die Eisenhowers Brief an Diem später kritisierten, haben 1954 gegen die Wirtschaftshilfe für Südvietnam opponiert. In den folgenden fünf Jahren machte Washington Lieferungen im Wert von 2,3 Milliarden Dollar – drei Fünftel davon Wirtschaftshilfe, der Rest Militärhilfe. Eine Zeitlang schien dieser Politik Erfolg beschieden zu sein: Die Reis-, Zucker- und Textilproduktion stieg, Schulen und Poli-Kliniken wurden gebaut, es gab Ansätze eines Landreformprogramms, und amerikanische Berater halfen beim Aufbau einer südvietnamesischen Armee.

Unter der Oberfläche war die Lage jedoch weniger idyllisch. Nur ein allzu geringer Teil der Wirtschaftshilfe gelangte in die Landgebiete, wo die Mehrzahl der Südvietnamesen lebt. Unsere Militärhilfe war darauf ausgerichtet, eine Armee zu schaffen, die nicht zur Guerillabekämpfung, sondern zur Abwehr einer konventionellen Invasion aus dem Norden à la Korea bestimmt war. Und der Passus in Eisenhowers Brief von 1954, der die US-Hilfe von der Durchführung "notwendiger Reformen" abhängig machte, geriet weitgehend in Vergessenheit. Während amerikanisches Drängen in Sachen Landreform zumindest auf dem Papier geringfügige Ergebnisse zeitigte, konnte Ngo Dinh Diem im wesentlichen seine autoritären politischen Ziele verfolgen, ohne daß ein amerikanischer Einspruch wirksam oder auch nur erkennbar geworden wäre.

Diem war ein Repräsentant der älteren vietnamesischen Nationalistengeneration, die zur Oberschicht gehörte, französisch sprach und katholisch war. Er hatte lange und ehrenhaft für die nationale Unabhängigkeit gekämpft, war aber nicht daran interessiert, die hierarchische Struktur der traditionellen vietnamesischen Gesellschaft anzurühren. Als Traditionalist vertrat er die Auffassung, daß die Massen ihren Führern Respekt und Gehorsam schuldeten. Er betrieb einen Familiendespotismus orientalischen Stils, beseitigte 1956 die auf Wahlen gegründete Selbstverwaltung der Dörfer, konzentrierte die Macht bei sich und seinen Brüdern, behandelte Opposition als Illoyalität und verachtete die Werte und Institutionen der westlichen Demokratie. "Wenn wir das Fenster öffnen", sagte einmal seine Schwägerin, die bezaubernde, schlangenhafte Madame Nhu, "kommen nicht nur die Sonnenstrahlen, sondern auch viele schlechte Dinge herein."

Also wurde das Fenster fest geschlossen gehalten. Diems autoritäres System, das in zunehmendem Maße auch Menschenjagden, politische Umerziehungslager und die "Umsiedlung" von Bevölkerungsteilen bedeutete, führte zu verbreiteter Unzufriedenheit und schließlich zu bewaffnetem Widerstand in den Landgebieten.

Es ist nicht einfach, die undurchsichtigen Ereignisse dieser Jahre zu entwirren; aber nur wenige Wissenschaftler glauben, daß der wachsende Widerstand im Anfang von Hanoi aus organisiert oder gelenkt wurde. Einige Anzeichen sprechen sogar dafür, daß die Kommunisten sich zunächst zurückhielten, weil sie die bald "Vietcong" genannten südvietnamesischen Guerillas offenbar als Putschisten und Exponenten einer infantilen Linken betrachteten (genauso, wie zur gleichen Zeit die Kommunistische Partei Kubas Fidel Castro und seine Bewegung des 26. Juli beurteilte). Die Aufstandsbewegung in Südvietnam nahm 1958 erhebliche Ausmaße an; doch erst im September 1960 gab ihr die Kommunistische Partei Nordvietnams den offiziellen Segen und rief zur Befreiung des Südens vom amerikanischen Imperialismus auf.