Dienstag, 24. Januar, 21.00 Uhr, 1. Programm: "Die Trennung" von Tom Toelle

Mir hat sie gefallen, Die Trennung, ein Film von Tom Toelle mit Joachim Ansorge und Cordula Trantow als Protagonisten. Gewiß, die Story schien auf den ersten Blick nicht eben ergiebig zu sein: Ein junger Mann springt über die Mauer, um nach fünf Jahren sein Mädchen wiederzusehen, aber die fünf Jahre waren zu lang, man hat sich entfremdet, es gibt nichts mehr zu sagen, Erinnerungen reichen nicht hin, "ich lebe hier gern", sagt das Mädchen, "es war nicht schön drüben", sagt der Student aus Rostock, "aber es war meine Heimat."

Gewiß, die Technik des Films, streng antithetisch (meist lange Sequenzen ER, unterbrochen von einer einzigen Einstellung SIE), wirkte auf die Dauer ein wenig gar zu didaktisch. Gewiß, der Werner aus Rostock war nicht gerade eine plausible Gestalt: Tumb wirkte er, ein Parsifal zwischen den Beatniks, der Reine und Feine unter den Bowling-Brüdern und Schwestern, ein Widerpart aller sächselnden Strolche (ach, man sieht seinesgleichen allzuoft auf dem Bildschirm), elegisch, hilfsbereit und karg, Nichtraucher (die im Westen Assimilierte, Werners Erinnerungsbraut, schmauchte natürlich) – eine Klischee-Figur also, dieser strebsame Mann aus dem Deutschland, das man seit jüngster Zeit das andere nennt und in dem offenbar immer noch nur gearbeitet, aber niemals gelacht, nur moralisiert und niemals getanzt wird.

Und doch, und doch. So unglaubhaft die direkten Meditationen der beiden, wir haben uns eben nichts mehr zu sagen ... so einprägsam die behutsam angedeute Demonstration der Entfremdung, das Aneinandervorbeireden, Sichabmühen, Zwei-Schritte-vor-drei-Schritte-zurückmachen, so anmutig die verspielten Dialoge im möblierten Zimmer, im Geschäft und in Rohbaugängen. (Ich kann gut kochen. Sooo dick wirst du werden. Ich mag aber keine dicken Männer.)

Lange treibende Gespräche, von Assoziationen bestimmt, durchgeführt in der Syntax der Traumlogik, Gespräche an der Grenze zwischen Erinnerung und Vergessen ... sie waren so eindrucksvoll im Text und eindrucksvoll in der Photographie wie der Ausklang des Films: Während sich die Maschine in die Luft hebt, die Werner nach Westdeutschland bringt, fort von Helga und fort von Berlin, während die Schrifttafeln abrollen, erklingt, als eine Kontrast-Litanei, der routiniert gesprochene Sermon einer Bordstewardeß. Zwei Menschen trennen sich, die Stimme sagt: Wir werden Ihnen eine kleine Erfrischung servieren.

Und dann, dies war der Höhepunkt des Films, gab es da eine Szene, in der sich Werner aus Rostock, den man eben noch auf der Brücke über der Tauentzienstraße erblickte, ein zweites Mal der Mauer zu nähern begann, dieses Mal von der anderen Seite. Wie ein weißes Tier lag sie da, wie eine lockende Sirene aus Stein, die Mauer, schimmernd unter den Kugellampen, alle Straßenschilder, Treppen und Geländer führten auf sie zu, eine saugende Anziehungskraft ging von diesem leuchtenden Band aus, beinahe eine schreckliche Verzauberung ... Und allein diese Photographie – gesprochen wurde nicht, der Betrachter sah mit den Augen des Flüchtlings – lohnte das Anschauen des siebzig Minuten dauernden Films. Momos