Seit einigen Jahren ist die Dramen-Trilogie, die unter dem Gesamttitel "Heinrich VI." in heutigen Shakespeare-Ausgaben figuriert, auf den Bühnen mehrerer Länder in Mode gekommen.

Der jüngste deutsche Versuch, diesen Dramenkoloß auf die Bühne zu bringen, greift bis zum Ausgangspunkt der neuen internationalen Shakespeare-Welle zurück. 1963 und 1964 hatte Peter Hall in Stratford den vollständigen Zyklus der Shakespeareschen Königsdramen mit der Royal Shakespeare Company aufgeführt. Von den insgesamt sieben Abenden trugen zwei den Titel "Die Rosenkriege". Ihn übernahm Peter Palitzsch, als er jetzt, "Heinrich VI." – für zwei je dreieinhalbstündige Abende eingerichtet – in Stuttgart inszenierte. Mit einer dramaturgischen "Fassung von Peter Palitzsch und Jörg Wehmeier", die auch eine Neuübersetzung der verwendeten Texte enthält, wurde angestrebt, "die Ursprünglichkeit des Werkes der Gegenwart vorzustellen".

Sollen wir uns für die Fakten am Ende des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich und danach mit den dynastischen Details und Metzeleien der um die englische Königskrone rivalisierenden Häuser Lancaster und York interessieren, dann nur um den Preis einer poetischen Verdichtung und sinnbildlichen Überhöhung. Diese sind aus der Trilogie "Heinrich VI." – wie das Stuttgarter Experiment qualvoll deutlich machte – nur szenenweise, keineswegs "abendfüllend", geschweige denn für zwei lange Theatervorstellungen zu gewinnen.

Die neue Liebe auch für schwachen "Shakespeare" mutet wie die eigensinnige Wiederholung längst evidenter Irrtümer an. Daß die drei Teile von "Heinrich VI." kein originaler Shakespeare, sondern Dramaturgenarbeit sind (wie wir das heute nennen), mit der Shakespeare überkommene und übernommene Texte spielbar machte, vielleicht auch ergänzte, dürfte feststehen.

Die Aufführung von Shakespeares Königsdramen durch den späteren Wiener Burgtheaterdirektor Franz von Dingelstedt, 1864 in Weimar, wo nur "König Johann" und "Heinrich VIII." fehlten, wurde im Jahre 1927 überboten durch Saladin Schmitt. Als "Festspiele des Stadttheaters Bochum" sind in einer "Deutschen Shakespeare-Woche" sämtliche Königsdramen erstmals zyklisch und in der Reihenfolge aufgeführt worden, wie die englische Nationalgeschichte verlaufen ist. Das war gewiß im besten Sinne "Bildungstheater".

Ist das Stuttgarter Unternehmen von Palitzsch und Wehmeier davon nun wirklich so verschieden, wie es auf den ersten Blick erscheint? Man bedient sich der realistisch-epischen Spielweise und weist mit dem Zeigestock auf moritatenhaft abstruse Vorgänge – damit der Zuschauer etwas daraus lernen möge. Im Programmheft kann er sich über mögliche Parallelen informieren: Tyrannenmorde, Revolutionen, Vietnam.

Sehr schick sieht die Bühne aus, in deren Rahmen bewegte Geschichtsbilder ausgestellt werden. Quer über dem Bühnenportal bleibt zwei Abende lang etwas Ähnliches zu betrachten wie unter manchen Kirchenaltären im Reliquienkasten: Knochen, Gerippe, Totenköpfe. Unterhalb der Spielfläche melden wechselnde Schrifttafeln, wo jeweils die Szene spielt. Diese wird durch eine kalkweiße Querwand in Vorder- und Hinterbühne getrennt. Die Wand ist in zwölf seitlich verschiebbare Tafeln unterteilt. Dadurch lassen sich Simultanwirkungen herstellen, auch lebende Bilder postieren. Scheinwerfer von oben und unten tauchen die Figuren in schattenloses, gleichbleibendes Licht. Wilfried Minks hat seine bühnenbildnerischen Praktiken aus Bremen nach Stuttgart übertragen.