Freizeit-Kapitäne im eigenen Motorboot werden sich demnächst einer Prüfung unterziehen müssen. Freude hat diese Nachricht nicht verbreitet. Psychologisch wäre es richtiger, diesem Motorbootführerschein den seemännischen Namen Motorboot-Patent zu geben oder gar Freizeit-Kapitänspatent. Und der Andrang vor den Pforten der Prüfungskommissionen würde erheblich zunehmen, entschlösse man sich, den Erwerb des Patents mit der Berechtigung zu verknüpfen, den Ärmeln des Bord- oder Klub-Jacketts goldene Ringe und der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnismütze ein Freizeit-Kränzlein von güldenem Eichenlaub zu applizieren.

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Auf der Deutschen Boots-Ausstellung in Hamburg offenbarte sich die Führerschein-Eule als Nachtigall am Ausstellungsstand des Delius- und Klasing-Verlags, der sein Yacht- und Freizeit-Kapitänsmonopol ebenso zäh wie erfolgreich verteidigt. Dazu lächelt eine überlebensgroße, für Yachtvergnügungen keineswegs zünftig gekleidete Dame den bislang noch unpatentierten Freizeit-Kapitänen verheißungsvollen Trost zu. Und Trost hatte, so schien es zu Beginn der Ausstellung, ohnehin so mancher nötig,

II

Krise oder Nichtkrise – das war zunächst die Frage. Das im Verhältnis zu seiner Größe teuerste Boot der Ausstellung, die Riva "Aquarama", darin sich auch Alfried Krupp, Friedrich Flick, der Schah von Persien, Präsident Nasser, Sophia Loren und Brigitte Bardot über dem Wasser halten, war, als ich zum Stand kam, bereits für 80 000 Mark verkauft. Und ein kurzrockiger, blonder Engel erzählte mir, der bereits ausgefertigte Vertrag für ein weiteres 80 000-Mark-Mahagoni-Lustboot werde nur deshalb alsbald erst in einer Münchener Bar unterzeichnet, weil der Käufer den Wunsch habe, seinem Freundeskreis selbiges Ereignis in einem Augenblick feierlicher Erhabenheit bekanntzugeben. Für ihn, den Münchener Stadtbekannten, sei ein solches Boot Notwendigkeit. Könne er sich doch mit seinem kleineren Schiffchen, knapp halb so teuer als das neue, allenfalls auf dem Wörthersee, nicht aber in Portofino sehen lassen. Ähnliche Erfahrungen mögen auf der Hamburger Ausstellung wohl auch die Hersteller dicker amerikanischer Hatteras-Yachten gesammelt haben. Ihre Schiffe sind serienmäßig mit Stereo-Anlage, 250-Liter-Kühlschrank, Klima-Anlage und Hähnchengrill ausgestattet und kosten so um 200 000 Mark.

III

Das mag alles vielleicht nicht symptomatisch sein, wenn man bei der Beurteilung einer Lage auch Extreme nicht übersehen soll. Das andere Extrem jedenfalls: Sportboote wurden gut gekauft, dazu jener Typ, der sich heute Day Cruiser" nennt. So ein Boot wurde als Backdecker zwar schon vor 60 Jahren gebaut. Auf der Ausstellung war es unter dem modischen Namen als letzte Neuigkeit in allen Ecken zu finden, Boote bis zu 15 000 Mark schienen dem Bereich der Wirtschaftskrise entrückt. Bei höheren Preisen, bis etwas 70 000 Mark, waltete allerdings spürbare Zurückhaltung. In abermals höheren Preiskategorien gab es wieder Käufer. Es ist wohl so: Die ständige Verlockung, das größere und schönere Boot (als der Nachbar) zu besitzen, wird zur Zeit nicht realisiert.