So etwas hatten die Mitglieder des Westdeutschen Rundfunks noch nicht erlebt: In einer Presseerklärung gab der Intendant des Hauses, Klaus von Bismarck, bekannt, er habe einen leitenden Redakteur "vorläufig von der Verantwortung" entbunden. In der Geschichte des WDR ist dies ein einmaliger Vorgang. Selbst die Suspendierung oder Entlassung von Funkredakteuren, die sich kriminelle Delikte hatten zuschulden kommen lassen, wurde niemals offiziell veröffentlicht. Warum also entschied sich der Intendant in diesem Fall zu der drastischen Form der Publizierung? Sollte hier etwa einem eigenwilligen Redakteur gegenüber ein Exempel statuiert werden? Steht beim WDR nun die Meinungsfreiheit auf dem Spiel?

Das ist die Vorgeschichte: In der letzten Woche hatte der Leiter der Abteilung Kirchenfunk, Leo Waltermann, in seiner Reihe "Aktuelles aus der Christenheit" einen politisch brisanten Kommentar gesendet. Anlaß und Thema seines kritischen Beitrages war die Wahl des Fürsten zu Löwenstein durch Papst Paul VI. am 11. Januar in den römischen "Laienrat". Dieses zwölfköpfige Beratergremium des Heiligen Vaters ist die höchste Laieninstanz der 500 Millionen Katholiken. Für den Fürsten, der seit 1949 als Präsident des "Zentralkomitees der deutschen Katholiken" fungiert, war diese Ernennung eine der höchsten Ehrungen, die einem katholischen Repräsentanten zuteil werden kann.

Waltermann wagte zu bezweifeln, ob die Wahl auf den rechten Mann gefallen war. Eingeweihten war seit 1961 bekannt, daß Fürst Löwenstein eine höchst unrühmliche Vergangenheit hat: Nach 1933 hatte er sich in Wort und Schrift Hitler angebiedert und auf den Nationalsozialismus Lobeshymnen gesungen. 1937 hatte er obendrein, in einem Brief an das Auswärtige Amt, seinen Vetter Hubertus Prinz zu Löwenstein, der emigrieren mußte, angeschwärzt. Mag der Fürst sein Verhalten im Dritten Reich heute auch bedauern und als "Schutzmaßnahmen" erklären – mit Waltermann sind namhafte Theologen der Meinung: ein würdiger Vertreter des deutschen Katholizismus ist dieser Mann nicht, schon gar nicht als Berater des Papstes. Durfte das, an Hand hieb- und stichfester Tatsachen, nicht öffentlich gesagt werden?

Ob nun der WDR-Redakteur und Kommentator Waltermann fürchten mußte, seine Vorgesetzten würden ihm einen Maulkorb anlegen und die Kritik an Löwenstein nicht zulassen, oder ob ihm aus Zeitgründen keine andere Wahl blieb – er startete seine Attacke, ohne daß die WDR-Verantwortlichen darüber informiert worden waren – weder der Abteilungsleiter Dirks, noch der Hörfunkdirektor Brühl. So platzte die Bombe: Der Intendant enthob Waltermann "vorläufig des Dienstes" und gab dies der Presse bekannte, Er habe, so. hieß es, gegenüber "Personen, die wie Dirks und von Bismarck im kirchlichen Bereich tätig sind, illoyal" gehandelt. Dirks ist Mitglied des Bildungsbeirats beim Zentralkomitee, seine Frau gehört dem Löwenstein-Gremium an, und Klaus von Bismarck ist Präsidiumsmitglied des Evangelischen Kirchentages.

So droht nun aus dem Fall Löwenstein ein Fall Waltermann zu werden – und vielleicht sogar ein Fall Meinungsfreiheit beim Westdeutschen Rundfunk. Formal ist die Intendanz des WDR sicher im Recht: Wer auch immer einen Kommentar von solcher Sprengwirkung verfaßt und damit "Politik macht", muß, zumal in einer "öffentlich-rechtlichen Anstalt", die Sache mit seinen Vorgesetzten besprechen. Eine andere Frage ist es, ob ein Redakteur in dieser Weise öffentlich gemaßregelt werden muß, nur um – wie es in der Verlautbarung steht – einer "Wiederholungsgefahr" vorzubeugen.

Im Hintergrund dieser unerquicklichen Affäre mag freilich noch eine andere Sorge den Ausschlag für die schroffe Reaktion der Intendanz gegeben haben – die Sorge um die journalistische Unabhängigkeit des Kölner Kirchenfunks. Vielleicht mußte an Waltermann ein Exempel statuiert werden, um den Einflüssen kirchlicher Kreise auf diese Abteilung Einhalt zu gebieten. Der Fall Löwenstein wäre dafür dann freilich ein höchst untaugliches Exempel gewesen.

Dietrich Strothmann