Von Ludwig Marcuse

Wahrscheinlich wird die deutsche Sekundärliteratur einmal um die Dissertation bereichert werden: "Die Regierung Brecht, von den Anfängen bis zum Ende." In solch einer Schrift könnte dann das Buch von

Gerhard Szczesny: "Das Leben des Galilei und der Fall Bertolt Brecht"; Dichtung und Wirklichkeit, Verlag Ullstein, Frankfurt/Berlin; 212 S., 3,20 DM

leicht als Anfang vom Ende bezeichnet werden.

Hier kann der Leser die 8., 9. und 13. Szene der ersten Fassung des "Galilei" vergleichen mit der 9., 10. und 14. der dritten. Angefügt sind der (schwache) vierte Akt von László Némeths "Galilei" und Reinhold Schneiders (nicht gerade starke) Erzählung "Die Monde des Jupiter".

Szczesnys Buch ist nach dem Muster der Reihe "Dichtung und Wirklichkeit" organisiert; nicht nach dem Muster ist wohl sein hundert Seiten langer Essay. Das erste Kapitel schildert den Galilei der historischen Dokumente. Aber dann geht es um den Ideologen Brecht: Weshalb wurde der Held Galilei (erste Fassung) zum Lumpen Galilei (der dritten)? Darauf wird Brecht analytisch behandelt. Und, auf dem Höhepunkt des Pamphlets, geht es gar nicht so sehr um Brecht als um das Dogma, das er in einigen seiner berühmten Formeln (episch, antikulinarisch, gegen Einfühlung) durchsetzte – vor allem seit fünfundvierzig; und es ist nichts gesagt, wenn man es "kommunistisch" nennt.

Am 20. Juli 1947 fand in Hollywoods Coronet Theatre die eigentliche Weltpremiere des "Galilei" statt. Zum Schluß wurde der Autor gerufen; er kam nicht. Charles Laughton entschuldigte ihn: Er sei ein scheuer Bayer. Der war, ein paar Monate später, vor dem Komitee gegen antiamerikanische Umtriebe so scheu und so brav und so hilfsbedürftig, daß man ihn wie einen zarten Vorzugsschüler behandelte.