Von Hans Gresmann

Sechsundzwanzig Jahre lang hat sie im Schatten gestanden – als Ehefrau, die politisch niemanden interessierte. Und wenn von ihr die Rede war, dann nur im Jargon des Klatsches: "Schauspielerin ist die gewesen, damals in Schanghai in den dreißiger Jahren. Sie hatte eine schöne Stimme, gewiß, und eine graziöse Figur, aber sie war eben scheußlich unbegabt. Die Partei war dagegen, daß er sie heiratete, aber er hat’s durchgesetzt. Jetzt haben sie zwei Kinder, zwei Töchter."

Wenn aber heute in China der Name Tschiang Tsching genannt wird, dann im Tone des Jubels, der Furcht oder wohl auch des Abscheus. Aus dem Filmstarlet der kapitalistischen, westlich geprägten Großstadt Schanghai, aus dem Mädchen das als "Blaue Wolke" geboren wurde, dann den Künstlernamen "Blauer Apfel" annahm, ist nach einer langen Phase familiärer Zurückgezogenheit Chinas mächtigste Frau geworden. Tschiang Tsching heißt soviel wie "Grüner Fluß". Keine Frage mehr, daß dies ein reißender Fluß ist.

Die kleine Schauspielerin von einst hat die Bühne wieder betreten, wobei das Publikum bisher freilich nicht zu erkennen vermag, welche Rolle sie wirklich spielt. Soviel steht fest: in der Regie zeigt sie mehr Begabung als in der Darstellung. Maos Rote Garden, jene Rowdy-Horden ohne eigenen Willen, hat sie, so zeigt sich jetzt, von Anbeginn mit bösartigem Fanatismus angestachelt. Sie gab sich als Generaleinpeitscherin der Kulturrevolution. Unbeantwortet aber noch ist die Frage, welches Motiv diesen weiblich vehementen Kampf bestimmt: Geht es darum, des Ehegatten Mao politische Doktrin mit Klauen und Zehen zu verteidigen, oder geht es auch darum, persönliche Rechnungen zu begleichen und Ambitionen zu befriedigen, für welche die revolutionäre Ideologie ein willkommenes Feigenblatt abgibt?

Als vor ein paar Wochen das chinesische Chaos auf dem Höhepunkt angelangt war, wurde Madame Tschiang Tsching dieser Satz zugeschrieben: "Wenn schließlich jeder kritisiert wird, wer soll dann noch das Land regieren?" So berechtigt diese Frage anmutete, so unwahrscheinlich erschien es, daß sie tatsächlich von Maos Frau formuliert worden war. Denn gerade sie, durch die Gunst der politischen Stunde mit höchsten Funktionärsweihen ausgestattet, hatte während der letzten Wochen und Monate den Kampf aller gegen alle geschürt, jenes politische Rundum-Gemetzel, hinter dem wilde Emotionen viel eher zu vermuten waren als politische Strategie.

Tschiang Tsching, die mit ihren 53 Jahren etwa zwei Jahrzehnte jünger ist als Mao, stammt aus der Shantung-Provinz, wo sie in einer Mittelklassenfamilie geboren wurde. Die Eltern verarmten, und das Mädchen, das eigentlich studieren wollte, versuchte sich, um die Familie zu unterstützen, in Schanghai als Schauspielerin – freilich nicht, ohne sogleich den Familiennamen abzulegen. Viel konnte sie ihren Eltern nicht schicken, denn sie selber führte ein rechtes Hungerleben. Kollegen, die sie aus jener Zeit noch erinnern, berichten, daß ihr zweierlei fehlte: schauspielerische Begabung und politisches Interesse.

So war es nicht erstaunlich, daß sie jede Rolle annahm, die sich ihr bot, aber es war erstaunlich, daß sie plötzlich in die kommunistische Partei eintrat. Mit einer Schauspieltruppe ging sie nach Yenan, wohin sich Maos rotes Revolutionsheer im heute legendären "Langen Marsch" zurückgezogen hatte. In Yenan hängte der "Blaue Apfel" die Schauspielerei an den Nagel und setzte sich auf die Klassenbank der Parteischule. "Besonders intelligent war sie nicht", erinnert sich ein Schulgenosse, "aber sie war fleißig; hörte gut zu und hielt ihre Notizen großartig in Ordnung."