Eines kommt indes noch hinzu. Es ist nicht nur dieser läppische Schnick-Schnack, der erfreut. Erquickung strömt vor allem aus dem Born des Geschlechts. Fernau versteht etwas davon, hat er doch nicht von ungefähr das deutsche Liebesleben durch zwei Jahrtausende begleitet (in seinem nach meinem Dafürhalten wohl langweiligsten Suche). So würzt er denn den geschichtlichen Ablauf gern mit einem Quentchen Sex. Das hört sich etwa so an („Rosen für Apoll“, Seite 71, und es geht um den griechischen Knaben): „Die schlanken hohen Beine, die sich beim Spiel in den Gymnasien reckten, spannten, spreizten, im Lauf wirbelten und beim Ringkampf sich umeinander klammerten – welch ein Anblick! Die schmalen Hüften; der ruhige Leib; die knabenhafte, erst langsam erstarkende Brust mit dem kaum merklichen Auf und Ab der Muskeln und Rippen! Die langen Arme, an denen bei jeder Bewegung die Sehnen in der weichen Beuge und in den schlanken Gelenken hervorsprangen! Die den tastenden Händen und den modellierenden Augen unvergeßliche phallische Plastik, sich unerschöpflich variierend, bald ein Jambus, bald ein Epigramm oder eine Elegie! War das nicht Musik?“ Es scheint fast so. Und es mag damit ja auch seine begrenzte Richtigkeit haben. Indessen heißt es doch wohl die Möglichkeiten der phallischen Plastik überziehen, wenn man sie bald als Jambus, bald als Epigramm oder Elegie erlebt. – Das Weib freilich kann mit derartigem nicht aufwarten: „Eine Melodie beim Mann – dagegen eine Pause bei der Frau, eine fallende, entgleitende Leere“, und so weiter. Man darf unterstellen, daß die Griechen über die Sache doch gerechter dachten, als ihr feinnerviger Interpret vermutet.

Auch der Roman um das Jahr 1933 und seine jungen Männer weist einige muntere Szenen auf, die der Liebeslust gehören – aber ein Roman darf das, wenn der Autor es will. Wer jedoch Geschichte darstellt, ist an ihr Gesetz gebunden, Fernau macht sich seine Gedanken über den Wandel der Brunhild-Gestalt (unrichtige Gedanken übrigens, aber das ist hier nicht zu korrigieren). Dieser Wandel habe, so meditiert er, den „Urtyp der Geliebten“‚ den sie einst verkörpert, „ausgelöscht“. Und dann folgt die Behauptung: „Mag der deutsche Penis eine Geliebte haben, die deutsche Seele nicht“ (Seite 43). Musterbeispiel für eine obszöne Passage. Nicht Schilderung von Dingen, die es gibt, die geschehen und deren Darstellung ihrer Wirklichkeit den Rang der Wahrheit verleiht. Sondern das Bonmot um des Reizwertes willen, gekrampfte Frivolität, die weder witzig ist noch komisch noch wahr ist – sondern bloß eine Ferkelei.

So viel Lärm um einen Trivialliteraten? Wir denken, wenn wir an Fernau denken, an die Folgen. Erst die Prophetie, die Menschen in den Tod schickt. „Der Sieg ist wirklich ganz nahe.“ Dann das Debakel. Dann die Geschichtsdeutung, die Bestandsaufnahme der deutschen Seele. Friedrich der Große und Otto Gebühr, Kriemhild und KdF, Luther und Heinrich George: das sind gespenstische Kombinationen, über die Zeiten hinweg. Ob Fernau die Zäsuren der eignen Zeit ebenso elegant nimmt?

In dem Nibelungenbuch gibt es eine dumpfwahrsagende Passage (wir wissen ja, er liebt diese Pose). Der deutsche Held, so formuliert Fernau seine Erkenntnis („und zwar eine sichere“), muß am Dolchstoß sterben, um ein Mythos zu werden. „Und so endete auch tatsächlich der letzte hybride Recke der Deutschen: Hitler. Er wird ein Mythos werden, ob wir wollen oder nicht. In wenigen Generationen wird es soweit sein .. (Seite 97). Schweigen wir von Hitlers Recken-Charakter und davon, daß Fernau einmal wieder nicht eben logisch denkt. Allein wichtig ist der Verdacht: unter dem Vorwand, die Geister bannen zu wollen, ruft er sie erst recht eigentlich hervor!

Aus diesem Grunde der Lärm, damit wir uns nicht gewöhnen an dergleichen und es hingehen lassen. Denn wie sagt Fernau? „Der Einbruch der Syphilis lag jetzt eine Generation zurück, und der Mensch gewöhnt sich bekanntlich an alles.“ Das steht auf Seite 135 seines Erfolgsbuches „Und sie schämeten sich nicht“.

Denn der da Geschichte und Gegenwart deutet, will immer auch hineinwirken in Gegenwart und Zukunft. Etwa mit den 1959 in einem Nachwort zu seinem Deutschland-Buch formulierten Sätzen, es geschehe ja nichts Neues unter der Sonne: Neu ist nicht einmal, daß wir Deutsche heute bereits wieder (und darüber müssen wir uns ganz klar sein) bei den perfiden Spielern der Weltpolitik die verhaßteste Nation sind.“

Man wird das Gefühl nicht los, daß an diesem Umstand Leute wie Fernau nicht ganz unschuldig sind.

„... und daß es auszurechnen gewesen sein mußte, warum Deutschland siegte.“ Zu Fernaus Einsichten in die Natur seines Volkes gehört auch diese („Disteln“, Seite 16): „Denn das ist es, was die Seele der Deutschen braucht: das Makellose, nicht die Wahrheit.“ Dem zweiten Bedürfnis wird er gerecht. Makellos.