Er habe, sagt Jan Meyerowitz, eine deutsche Oper schreiben wollen.

Was ist deutsch an einer Oper, in der schottische Söldner im April 1584 das tiefverschneite Schweden unsicher machen und einen Pfarrer samt seinen Hausgenossen um eines nicht unerheblichen Silberschatzes willen niederstechen, der Anführer der Bande dann in einem Mädchen, das einer der ermordeten Personen aufs Haar gleicht, die Getötete zu sehen glaubt, Angstträume, Halluzinationen – im Wahnsinn fällt er schließlich tot um, gerade vor die Füße des auf Rache bedachten Pfarrersohnes, der nur noch feststellen kann: "Amen, amen! Hier liegt ein Überwinder, ein Entsühnter, Freunde! – Und wo ist mein Feind?"

"Wenn Deutsche etwas Grausiges schreiben", sagt Jan Meyerowitz, "ist immer so etwas Erhabenes darin." Und er fügt hinzu: "Ich halte mich für chemisch rein deutsch."

Meyerowitz stammt aus Breslau, wurde hier 1913 geboren, kam als Vierzehnjähriger nach Berlin, studierte dort nach dem Abitur Musik, vor allem bei dem Schönberglehrer und -Schwager Alexander von Zemlinsky, ging 1933 nach Rom zu Ottorino Respighi. 1938 wollte er von Berlin aus emigrieren, wurde aber in der Kristallnacht verhaftet, gelangte nach Belgien, wurde dort interniert, kam wieder frei, tauchte bei Widerstandskämpfern unter. 1946 übersiedelte er in die USA, wurde Lehrer in Tanglewood, lehrt heute am New York City College. Er schrieb eine Menge Orchester- und Kammermusik, einiges kam auch in deutsche Funkhäuser, fünf Opern wurden in Amerika aufgeführt.

Sein sechstes musiktheatralisches Opus, "Die Doppelgängerin" nach Gerhart Hauptmanns "Winterballade", überreichte das Landestheater Hannover den deutschen jeunesses musicales bei ihren zum zehntenmal veranstalteten "Tagen der Neuen Musik" als Jubiläumsgabe. Die Jungmusiker jedoch zeigten sich alles andere als entzückt, sie halten – im Gegensatz zu Jan Meyerowitz – nicht alles, was soeben erst zu Ende komponiert wurde, für "neue" Musik.

In der Tat klingt die Musik zur "Doppelgängerin" wie eine Mischung aus je einem Achtel Hindemith und Alban Berg, etwas Janaček und sehr viel Gustav Mahler. Meyerowitz steht fest auf dem Boden des Tonika-Dominant-Systems, vom reinen Dur-Moll trennt ihn nur eine Kuriosität: Meyerowitz verändert die traditionellen Tonleitern durch Alteration, macht etwa aus "d" hier ein "des", dort ein "dis", aus "g" hier "gis", dort "ges"; so entsteht eine vielschichtige, in der Ballung manchmal dissonante Chromatik, eine Gleitmusik, die durch die ständigen Spannungen auf die Dauer von 123 Minuten merkwürdig spannungslos und undifferenziert wirkt. Daran konnte in der Hannoveraner Uraufführung auch der eifrige Dirigent Reinhard Petersen nichts ändern.

Was geschähe, wenn diese Oper vor dreißig und mehr Jahren entstanden wäre, würde man sie heute wieder aufführen? Vorstellbar ist, daß ein Operndirektor einen Regisseur fände, der den leidigen Pseudorealismus und seine traditionelle darstellerische Halbheit, all die pathologische provinzielle Opernszenerie, wie man sie in Hannover sah, herausließe und statt dessen Hauptmanns Charaktere herausarbeitete. Trotzdem würde er es immer noch schwer haben, Meyerowitz recht zu geben, der von seinem Werk meint: "Es kommt mal vor, daß eine Oper besser als ein schönes Theaterstück ist."

Heinz Josef Herbort