Von Lutz Köllner

Boris Meißner (Herausgeber): Sowjetgesellschaft im Wandel – Rußlands Weg zur Industriegesellschaft, mit Beiträgen von K. H. Ruffmann, B. Meißner, O. Answeiler und K. C. Thalheim. Kohlhammer Verlag, Stuttgart. 205 Seiten, 12,80 DM

In den zwanziger Jahren gab es in Deutschland und in Westeuropa viele Menschen, die das gesellschaftspolitische Experiment in Rußland seit den Revolutionstagen von 1917 mit Interesse und kaum verhüllter Sympathie beobachteten. Verständlicherweise war es besonders die Intelligenz, die in Lenins Programm eine Lösung drängender gesellschaftlicher Fragen sehen wollte, die schon lange vor 1914 in nahezu allen Industriestaaten auf Antwort drängten. Als dann langsam durchsickerte, welch ungeheuren Preis die erste Generation der neuen Sowjetgesellschaft für den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt zahlen mußte, folgte der offenen oder heimlichen Begeisterung ein jäher Schrecken.

Die Herrschaft der neuen Jakobiner entwertete die Glaubwürdigkeit der marxistischen Revolutionsparolen. Ende der zwanziger Jahre verkümmerten die Sympathien für oder gegen Rußland zu kurzen Kampfrufen in den Berliner Straßenschlachten. Dann kam die schalldichte Abschließung der Sowjetunion unter Stalin, es kam der Krieg, kein Frieden, der Kalte Krieg, und das Interesse für die Vorgänge in Rußland wich übertriebener Angst, Schuldgefühlen oder schnellen Vorurteilen.

Lange Jahre mußte sich eine Kreml-Astrologie darauf beschränken, aus der Reihenfolge, in der die obersten Sowjetführer auf der Tribüne am Roten Platz die Festtagsparaden abnahmen auf die Rangordnung der innenpolitischen Machtverteilung Rückschlüsse zu ziehen. Dabei gibt es auch in der Bundesrepublik schon lange eine wissenschaftliche Ost- und Sowjetforschung, die in dem vorliegenden Buch wichtige und überzeugende Ergebnisse ihrer soziologischen, ökonomischen und bildungspolitischen Beobachtungen aus dem Reich der Arbeiter und Bauern vorlegt.

Dieser nicht sehr umfangreiche Band bietet das seit langem Beste, was einer interessierten, breiten Öffentlichkeit über die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der Sowjetunion derzeit gesagt werden kann, dreizehn Jahre nach Stalins Tod und fast ein halbes Jahrhundert nach dem Sturm auf das Winterpalais in Petersburg. Selbst der in wissenschaftlicher Lektüre unerfahrene Leser wird aus den vier Beiträgen namhafter Sowjetologen auch ohne Kenntnisse im Wissenschaftsdeutsch herauslesen, wie wenig man die differenzierte gesellschaftliche Entwicklung in der Sowjetunion über den Leisten eines einfachen dualistischen Gesellschaftssystems Marxscher Prägung schlagen kann.

Was ist geblieben von den Idealen der Revolutionäre der ersten Stunde,wohin – führte der Weg zum Sozialismus und Kommunismus wirklich? Die vier Beiträge geben eine fast einheitliche, wenn auch vorsichtige Antwort: Rußland bewegt sich auf dem Weg zur totalitären Klassengesellschaft, die zugleich eine vergleichsweise einfache industrielle Leistungsgesellschaft ist, die mit schwierigen Problemen ihres wirtschaftlichen Wachstums ringen muß. Die Marxsche klassenlose Gesellschaft liegt nicht mehr in der Zukunft, sondern endgültig im Arsenal der gesellschaftlichen Utopien. Das ist zwar nicht neu, aber neu sind manche statistischen und soziologischen Beweise, die die Autoren vorführen. Die russische Intelligenz, die im Zarentum zwischen Nihilismus und Anarchismus pendelte, spielt heute eine Doppelrolle, nachdem ihr Stalin jede Bedeutung als Klasse abgesprochen hatte.