FLORENZ ist eine rekonvaleszente Stadt. An der Ognissanti-Kirche sagt eine Marmortafel in 2,44 Meter Höhe: "Bis hierher reichte das Wasser am 4. November 1966". Braune Ölstreifen an den Wänden der Häuser geben dieselben Aufschlüsse bis tief in die Stadt hinein. Während viele Geschäfte und Restaurants, schon renoviert, nach frischer Ölfarbe riechen, modert es noch schlammig in versteckten Gassen mit verrammelten Läden und Werkstätten kleiner Handwerker.

Und San Remo sandte tausende von rosa Nelken für die Sala Bianca, die zum 33. Mal für die Mode geöffnet wurde. 1500 Besucher, darunter die Vertreter von 23 amerikanischen Konzernen, Einkäufer aus ganz Europa, aus Venezuela und Hongkong, waren wie zu einer Sympathiekundgebung erschienen, um 39 Kollektionen der italienischen Boutique- und Strick-Mode zu sehen und zu ordern. Farbe, Luxus mit Orient-bis-Südsee-Einflüssen ergeben einen "Total-Look", der vom Scheitel bis zur Sohle durchgespielt wird – und das für beide Geschlechter.

Der mutige Versuch, von dem wir vor einem halben Jahr noch als Experiment des Hauses Marucelli berichteten, wurde jetzt von Ken Scott aus Texas, der sich inzwischen schon als Mailänder fühlt, konsequent wiederholt. Er schickte nach und nach 25 kosende Liebespaare aus der italienischen Literatur über den Laufsteg. Alle waren in Ban-Lon, einen geschmeidigen Synthetic-Maschenstoff, gekleidet, der unifarben mit strahlenden Blumen, Pflanzen oder Unterwassergewächsen bedruckt war.

Jedem Paar seine Farben, jedem seine Muster. Für die Männer: geblümte Pagenspenzer; auch einfarbige, aber dann mit gemusterten Ärmeln zu schmalen langen Hosen. Zu Blumen-Blazern gehören breite Blumenkrawatten und mandarinfarbene Hemden. Blumenhosen wiederum werden mit unifarbenen Stehbund-Hemden getragen. Für den Abend – und wohlgemerkt auch für Männer – zeigte Ken Scott: taillierte lange Tuniken, bestickte Russenkittel und bodenlange gemusterte Kaftane. Zu allem dem wurden farbige Schuhe – Vorbild: Renaissance– getragen. Was Wunder, daß die Mädchen mit ihren Botticelli – Lockenperücken in langen oder sehr kurzen Gewändern dagegen nur wie der Punkt unter einem neuen Fragezeichen wirken.

"Diese Kleider werden die gesamte Mode verändern", prophezeite Ken Scott und sprach mit frechem Wortwitz von einer "Ken-aissance". Als auch das Haus Krizia die Paar-Mode adaptierte (in weißem Leinen, Pikee und Baumwolle, mit orangeweiß gestreiften Westen – für sie mit Minirock, für ihn mit Hüfthosen und breitem orangefarbenem Gürtel), entbrannten Streitgespräche. War das nun eine "Renaissance der Renaissance" oder eine Art von Weltraum-Mode mit Freizeitromantik – oder war das Ganze nur Fasching am falschen Platz? Was auch immer: Die ersten Anzeichen einer Monosex-Mode künden sich hier deutlich an.

Doch nicht bei Pucci. Emilio Pucci bleibt sich treu: prachtvolle Intarsiendrucke, übersetzt nach Originalen von Südseeinseln und aus Äquatorial-Afrika auf Seide, Chiffon und Baumwollsamt, verwandelten sich in Ponchos mit Bikinis, in feminine Pumphosen- und Haremskleider, einzigartig in ihren Farben. Eine schmale Negerin und zarte Indonesierinnen mit ungewöhnlichen Kugel-Perücken oder großen "Hahnenkämmen" aus Goldmetall führten diese Kreationen vor. Neu waren silberne und goldene Vinyl-Anzüge: Miniröcke oder fessellange Röcke zu Oberteilen, die knapp unter der Brust enden.

Nirgendwo war zu spüren, daß der Palazzo Pucci elf Tage lang ohne Licht und Heizung war und das Wasser in den Arbeitsräumen gestanden hatte. Mode wurde präsentiert, als sei nichts, aber auch gar nichts geschehen.