Es gibt einen Bestseller-Autor in Deutschland, und der heißt Joachim Bernau. Einige seiner Werke klettern auf das 200. Tausend zu, und das ist verwunderlich. Denn seine Materie gilt gemeinhin als spröde: die Historie nämlich.

Freilich verliert die Tatsache dieses spektakulären Erfolgs ein Teil ihres Wunderbaren, wenn man hinzufügt: es geht dem Autor vor allem um die Geschichte seines Vaterlandes Deutschland (sieht man einmal von „Rosen für Apoll“ ab, einer hellenischen, Abschweifung, jetzt im 190. Tausend). Und unser Autor, dessen Force ein feinsinniges Aufspüren von Bedürfnissen ist, hat die Situation erkannt und begriffen, daß seine Landsleute, verstört zuerst, schuldbewußt dann, in der Folge beunruhigt, neugierig, schließlich auch trotzig, und aufbegehrend, sich in ihrer Vergangenheit begreifen und bewältigen wollten.

Wahrlich keine Situation, die zu Spott und zum Spotten herausforderte – wann je hätte ein Volk Geschichte als Schuld begriffen, und darin die eigene Mitschuld erkannt? Und versucht, in dieser Erkenntnis ein neues Verstehen seiner selbst zu gewinnen?

Fernau, den nicht erst seine Studien der antiken Welt das Wesen des Kairos haben erfassen lassen, griff zu und schrieb. Binnen 14 Jahren neun Bücher, wenn ich recht zähle. Es begann 1952 bei Stalling mit „Deutschland, Deutschland über alles ...“ (der Vorspruch erläutert’s: Hinter dem Titel soll unsichtbar ein bitter-ironisches Fragezeichen stehen“, und, um es gleich zu sagen, es bleibt über 263 Seiten hin durchaus unsichtbar), 1966 bis zur 10. Auflage gediehen; und es – nein, „endet“ wird man nicht sagen wollen, aber es verhält derzeit bei „Disteln für Hagen“, 1966 erschienen, 3. Auflage im gleichen Jahr, und Zierde der Bestseller-Listen seit Monaten. Untertitel: „Bestandsaufnahme der deutschen Seele.“ Unser Autor bleibt sich treu. Insoweit ist auch für ihn Treue kein leerer Wahn.

Die Zeit zwischen diesen beiden deutschen Bestandsaufnahmen füllte der Verfasser aus mit Titeln wie „Rosen für Apoll“ (im Dezember 1963 auch in die honorige Reihe der „Bücher der Neunzehn“ aufgenommen), „Abschied von den Genies“ (Untertitel: „Die Genies der Deutschen und die Welt von morgen“), dann 1958, einem heftigen Bedürfnis entsprechend und die Sex-Welle feinfühlig vorausahnend, eine Geschichte des Liebeslebens seiner deutschen Landsleute, von den Anfängen bis zur Gegenwart: „Und sie schämeten sich nicht“ (1966 im 140. Tausend angelangt, und wie von so vielen Büchern, die es zu tun haben mit dem Liebesleben, gibt es von diesem Werk auch eine bibliophile, numerierte, signierte und mit Holzschnitten geschmückte Sonderausgabe, die Holzschnitte sind vom Originalstock gedruckt, und das Ganze hat einen Handeinband mit Schuber und kostet 78,– DM, denn ein solches Thema ist schon ein Opfer wert).

Schlagen wir diese Titel dem Genre des „Sichbuches“ zu, so wird die Suite aufgelockert durch einige poetische Produktionen des gleichen Verfassers (und es sei gleich gesagt, daß sie allesamt besser geschrieben – und erfolgloser sind als die Geschichtsbreviere): 1954 erschien der „Bericht von der Größe und Furchtbarkeit der Männer“, laut einer als Klappentext verwendeten Würdigung im „Münchener Merkur“ ein „Heldenepos vom unbekannten Soldaten“ und ein großes „Konterfei männlichen Lebenswillens“.

Als diese unbekannten Soldaten noch junge Männer waren, da waren sie in der Tat ancers, und Fernau zeigt es uns 1960 in einem dem Jahre 1933 gewidmeten Roman „Die jungen Männer“ (gleichfalls von Herbig für wert befunden, den „Büchern der Neunzehn“ anzugehören, 1965). 1963 dann eine Art erotischer Kleinerzählung: „Weinsberg oder Die Kunst der stacheligen Liebe“, als Tucholsky-Plagiat bereits im (plagiieren) Vorwort deklariert – aber ein Plagiat wird nicht besser dadurch, daß es sich als solches bekennt. Und so ist es denn auch ein dünner Aufguß, der versucht, seinem Vorbild die Frohnatur abzugewinnen und die Lust am Fabulieren mit schnoddrigen Dialogen und Witzchen – aber die Statur fehlt dem Autor ganz und gar –, wie denn diese beiden Männer in der Tat auch ganz verschiedene Wege gingen.

Ein Band Gedichte bleibt noch zu registrieren, „Suite Nr. 1“ geheißen. Von ihnen ist hier nicht die Rede.

Das Geheimnis des Erfolgs? Herbigs Klappentext zu den „Jungen Männern“ belehrt uns: „Was die Bücher von Joachim Fernau so erfolgreich machte, ist sein historischer Sinn, sein richterlicher Sinn, seine Kunst, die Vergangenheit zu deuten.“

Eine noble Trias, wer hätte sie nicht gern: historischer Sinn; richterlicher Sinn; Kunst der Deutung des Vergangenen. Man denkt an Ranke, denkt an Burckhardt, denkt an Mommsen. Das aber ist ein Mißverständnis.

Der Sieg ist wirklich ganz nahe

Es gab einen SS-Kriegsberichterstatter in Deutschland, und der hieß – aber wir wollen uns allererst der Sachlage erinnern.

Es war September 1944. Man war Angehöriger der Genesenden-Kompanie Panzer-Ers. Abt. 4, Wien. Der Krieg ging dem Ende zu, einem furchtbaren Ende mit furchtbaren Schritten, ein jeder sah es, erlebte es, erlitt es, begriff es. Die Russen standen in Polen, vor Ostpreußen, die Engländer marschierten in Italien nordwärts, auf Florenz zu, an der Westfront hat die Invasion den Weg zum Rhein geöffnet – und die „Heimat“, die Heimat liegt unter Bombenteppichen und zittert. Zittert vor dem, was ist, zittert vor dem, was kommt, hört zitternd die Nachrichten der „Feindsender“ (ach, Beethovens 5., welchen abenteuerlichen Sinn sollte das „Schicksalsmotiv“ einmal bekommen, durchs Radio an die Pforte klopfend, man vergißt das nie in seiner morsenden Gewalt, und im Konzertsaal klingt es heute fast niedlich) und liest morgens an den Anschlagsäulen die rotgeränderten Bekanntmachungen vollstreckter Todesurteile an Defaitisten und Verrätern, die Gehörtes weitergesagt hatten.

Auschwitz und Bergen-Belsen – das wußte man wohl nicht (obschon es immer rätselhaft bleiben wird, warum man es nicht wußte), aber wenige Wochen zuvor war eine Bombe explodiert in der „Wolfsschanze“, sie traf nicht, den sie treffen sollte, aber Tausende wurden jetzt gehetzt, ergriffen und eingekerkert, verhört, gefoltert, gemartert, umgebracht.

In jenen Tagen nun, die Sonne war unten und die Erde dampfte Blut, und ein zerschundenes Volk machte sich daran, zur Nacht zu beten und sich aufzugeben: in jenen Tagen erschien in allen wichtigen Zeitungen Deutschlands ein Artikel, der wurde inbrünstig gelesen und wieder gelesen, und ging von Hand zu Hand, und den Briefen an die Soldaten war er beigefügt, und ein jeder sprach davon. Er wirkte, wie Dinge nur in finalen Stadien sich ausbreiten können, wenn die Ordnung des Verstandes außer sich ist, weil das Geschehen über alles Verstehen hinaus geht, wenn das Denken und die Vernunft sich selber nichts attestieren können als die große Hoffnungslosigkeit ihres Versagens, wenn ein jeder die apokalyptischen Zeichen erkennt, die sieben Engel ihre Posaunen geblasen und die sieben Zornesschalen ausgeleert haben. Dann wird das Volk, zerstört durch Schuld und Not, wider alles Wissen und wider jegliche Vernunft sich der Beschwörung des Gesundbeters anheimgeben. Dann ist die Zeit des falschen Propheten.

So aber schrieb er am 29. August 1944: „In einem halben Jahr spätestens werden wir wissen, was heute noch wenige wissen: daß diese letzte Kriegsphase, die am 16. Juni 1944 ausbrach, ein Geheimnis gehabt hat und daß die drei Monate Juni, Juli und August in Wahrheit ein ganz anderes Gesicht hatten, als wir alle glaubten

Die Fronten im Westen, Süden, Osten brechen zusammen, das Land selbst zerschlagen unter Bomben und Brand – ein jeder weiß es.

Nun aber:- „... in Wahrheit ein ganz anderes Gesicht...?“ Weiter:

„Die Zeit, die wir jetzt, unmittelbar jetzt, durchmachen, ist das Dramatischste, was die moderne Weltgeschichte jemals erleben kann. Spätere Zeiten werden einmal klar und deutlich sehen, daß es auf Millimeter und Sekunden ankam und daß es auszurechnen gewesen sein mußte, warum Deutschland siegte.“

Ein Volk verliert seinen Krieg, und seine Agonie ist furchtbar. Nun aber: „... daß es auszurechnen gewesen sein mußte, warum Deutschland siegte?“

Die Fronten zerbrechen, die Städte brennen, die Menschen fallen, ersticken, werden dem Schafott zugetrieben und dem Galgen. Ein jeder weiß es, ein jeder sieht es. Nun jedoch ist zu lesen: „Aber dieses Bild ist falsch.“ Und dem Verlorenen wird ein Weg, dem Ertrinkenden das Ufer gezeigt:

„In einem halben Jahr wird es ohnehin jeder wissen. Dann wird es ein Gefühl sein, als wenn nach einer tosenden, lärmerfüllten, dunklen Gewitternacht am nächsten Morgen ein Tag anbricht, ganz still, ganz klar alles, ganz einfach alles, nichts Furchteinjagendes mehr, nichts Bedrohliches. Die ganze vergangene Nacht ist einem dann fast unverständlich.“

Und die Angst, die Verzweiflung, der panische Schrecken zwangen es dem Leser hinein, er sog es auf, er machte das, was diese Buchstaben sagten, zu einem Teil seiner selbst – seit er sein Grab sah, wollte er nichts als leben – und hier war einer, der ihm das Leben versprach.

Einer wie du und ich. Denn, so erfährt man, Gefahr und Sorge waren ihm nicht etwa fremd:

„Ich schreibe den Aufsatz an der Front der Normandie und bin selbst Soldat. Mir sind auch die Bombenangriffe auf unsre Städte in Deutschland nicht fremd, ich war mitten in einem Bombenteppich in Berlin. Mir ist auch die Sorge um meine Frau, Krankheit und Not nicht fremd.“

Einer von uns also. Front, Bombenteppich, Sorge um die Frau. Aber, anders als wir, ein Wissender, ein Eingeweihter, ein des Mysteriums Kundiger. Denn er fährt fort:

„Aber es ist etwas Seltsames, geschehen, seit mir diese Gedankengänge klar geworden sind, und seit ich sie auf Schritt und Tritt bestätigt finde, hat der Kampf und haben alle Meldungen aus dem Osten nichts von ihrer Schwere, aber ihren ganzen Schrecken verloren.“

Welche „Gedankengänge“? Was nun folgt, ist – und wie hätte es wohl anders sein können – ein verblasenes Gemisch aus Kriegsgeschichte, Geschichtsmetaphysik und gelenkter Sprache, und der Krieg England–Deutschland wird in dem leicht faßlichen Bild gesehen von den beiden Autos, die dem gleichen Ziel zustreben, aber Schwierigkeiten haben mit dem Benzin: hat doch das eine sogleich „nach dem ersten Drittel vorsätzlich [!] getankt“, während das andere frisch vorausgestürmt ist, ist es doch „überzeugt, daß sein Sprit ausreicht“. Die Auflösung dieses hübschen „Beispiel(s) aus dem Alltag“: der vorsätzliche Frühtanker ist England, der zuversichtliche Nichttanker ist Deutschland. Und um Deutschland steht es jetzt schlimm, denn es liegt zurück. Indes, es hat sich einer Kriegslist klug bedient, nämlich es entschloß sich, „unmittelbar vor Schluß noch zu tanken“!

Dieses „Geheimnis“ kennt Churchill, „der alte Herr, der Brandstifter“, und nun hat er begründete Sorge: „Das Beispiel aus dem Alltag erklärt es haargenau.“ Es lohnt nicht, solcher Art von ideologischer Stilübung, die der Verfasser „Gedankengänge“ nennt, weiter nachzugehen. Deutlich ist: er weiß nichts. Aber er meint die Wunderwaffe, die alles, alles wenden muß.

Wer diesen Aufsatz heute liest, wird ihn in all seiner banalen Sentimentalität und beschwörenden Nichtigkeit für ein Muster journalistischer Stümperei halten. Zu seiner Zeit jedoch wirkte er, wirkte eben durch seine gänzliche Geist-Losigkeit, durch seine raunende Beschwörung des großen Wunders im Tanzschritt um das leere Loch. Denn wie endet er? Nichts fürchte Churchill mehr als den Herbst:

„Bis zum Herbst! Damit wissen wir, wofür wir die letzte große Kraftanstrengung machen müssen. Sie geht auch nicht über unsre Kräfte. Wir haben in diesem Kriege noch nie in einer kritischen Lage aufgegeben. Wir werden den letzten Preis, den wir noch zu bezahlen haben, eben bezahlen. Mit allen Mitteln und mit allen Kräften. Der Sieg ist wirklich ganz nahe.“

So war es zu lesen, in den Zeitungen der letzten Augusttage des Jahres 1944. Der das damals in der Genesenden-Kompanie zu Wien las und sah, wie die andern um ihn herum es lasen und wieder jene Haltung von Glauben und Gläubigkeit von ihnen Besitz ergriff, die das ganze Elend zu verantworten hatte – der beschloß, sich den Namen des Verfassers zu merken und ihn nicht zu vergessen.

Es gab einen SS-Kriegsberichter in Deutschland, und der hieß Joachim Fernau.