Von H. W. Vahlefeld

Hongkong, im Januar

Die Opposition gegen Mao Tse-tung hat keinen Kopf, keinen Führer, keinen Mann mit Charisma. Das ist in diesen Tagen, da das Präriefeuer durchs Land züngelt, ein großer Nachteil, der von entscheidender Bedeutung sein kann.

Die Erregung und Unruhe unter der Bevölkerung ähneln mehr einer Orientierungslosigkeit und anarchischen Verwirrung als einem sorgfältig geplanten und straff geführten Revolutionsversuch. Die Solidarität von streikenden Arbeitern und Bauern, die die Volkskommunen verlassen, in die Städte strömen und mehr Geld verlangen, bildet sich durch Unwillen, aber nicht auf Grund klarer Überzeugungen: man ist gegen etwas, aber noch unsicher, wofür. Mögen viele Unzufriedene und Aufsässige auch mit Staatspräsident Liu Shao-chi sympathisieren – mit dem Buddha-Image und der Roten Sonne Mao Tse-tungs kann dieser kalte Technokrat kaum konkurrieren. Er ist bekannt, aber nicht populär; er wird geschätzt, aber nicht verehrt; er spricht den Verstand an, aber nicht die Herzen. Psychologisch hat Mao Tse-tung seinem ärgsten Widersacher gegenüber einen gewaltigen Vorsprung. Die Tatsache, daß sich China seit Wochen hart am Rande des Bürgerkrieges bewegt, aber der Katastrophe bis heute noch immer entgeht, deutet darauf hin, daß die Massen Mao nicht hassen, sondern nur an ihm zweifeln.

In China arbeitet heute der Bambus-Telegraph auf Hochtouren; es schwirrt von Gerüchten und Spekulationen, jeder weiß etwas, aber niemand kennt das Ganze. In Peking, in der Hauptstadt, an der Spitze von Partei und Staat hat diese Ungewißheit begonnen. Warum ist dem chinesischen Volk bis heute von niemandem gesagt worden, wer der Feind ist und wie er heißt? In keiner Zeitung und keiner Rundfunkstation des riesigen Landes sind bisher die Namen von Liu Shao-chi und Teng Hsiao-ping genannt worden. Nur das Ausland und ein paar Pekinger Rotgardisten wissen, wer die Gegner Maos tatsächlich sind.

Selbst die 11 Millionen Roten Garden, die im Sommer und Herbst am Tor des Himmlischen Friedens vorbeizogen, sind über den Frontverlauf im unklaren gelassen worden. Sie haben die revisionistischen Verschwörer und reaktionären Erzfeinde friedlich und lächelnd neben Mao Tse-tung und seinem Waffenkameraden Lin Piao stehen sehen. Aber kann man die Front verschweigen, wenn die Schützengräben besetzt werden sollen?

Peking gleicht seit Monaten einer vom Lande abgeschnittenen Insel. Was auf ihr geschieht, kann vom Volk nur errätselt werden. Von den vielen im dortigen Arbeiterstadion abgehaltenen Massenversammlungen zum endgültigen Sturz der Mao-feindlichen Gruppe ist praktisch nichts in die Öffentlichkeit gedrungen. Während die Massen dort lärmend die Köpfe von Staatspräsident Liu Shao-chi und dem Generalsekretär der Partei Teng Hsiao-ping forderten, orakelten Volks- und Armeezeitung weiterhin von der berühmten Handvoll Leute, die den kapitalistischen Weg gehen wollen.