Frankfurt am Main

Verzetteln Sie sich nicht", pflegt er seine Kunden zu belehren. "Sammeln Sie Alt-Bayern oder meinetwegen Afghanistan, das aber richtig." Die Kunden (oder soll man sagen Klienten?), zum Teil Erfolgsmenschen prominentester Gattung, folgen ihm brav, obwohl ihr Ratgeber ganze 25 Jahre zählt. Denn es handelt sich um Schwenn.

Die wahrhaft frühkapitalistische Story vom Schwenn zu Europas größtem Händler und Auktionator mit Briefmarken ist leicht erzählt, aber schwer zu erklären.

Mit zwölf Jahren war er Briefmarken-"Kunkler" in der DDR, fleißig, schon damals bis zu 300 Mark Ost Monats verdienst. Danach "Pendelhändler" zwischen Ost und West. 1961 ging er in den Westen (von Flucht zu sprechen, wäre wenig sinnvoll). Start mit einer großen Pleite. Dann aber begann der unaufhaltsame Aufstieg. Und heute hat er einen Jahresumsatz von 12 Millionen Mark (1966) mit der Firma H. C. Schwenn in Frankfurt, dazu als Finanzierungsbasis eine AG in der Schweiz mit einer runden Million Franken Aktienkapital. Er fährt einen bordeauxroten Mercedes 300 SE Coupé, und kostbare Stilmöbel stehen im Büro und in der Wohnung. In diesen Tagen führt er im Hotel "Frankfurter Hof" gerade die größte Briefmarkenauktion aller Zeiten durch. Geschätzter Umsatz etwa fünf Millionen Mark.

"Wie war so etwas möglich, Herr Schwenn? Haben die anderen alle geschlafen?"

"Es war eine Marktlücke."

Kein Springinsfeld, kein Durchboxer. Er strahlt etwas von jener rätselhaften jugendlichen Abgeklärtheit aus, die man heute auch in den Vorstandszimmern vieler Konzerne trifft. Menschen, die – wenn ihre Altersgenossen noch Fußball spielen – bereits auf dem geraden Weg zu ihrer Karriere sind.