Durch das Aufsehen, das die Affäre Dr. Lübke/Frau Prof. Faßbinder erregt hat, bin ich erst darauf gekommen, welche große Bedeutung Orden immer noch haben.

In diesem Zusammenhang werden die Vorbehalte, die der Düsseldorfer Verfassungsschutz gegen die Verleihung des französischen Ordens an die 76jährige Pazifistin hatte, meist falsch dargestellt. Keineswegs wollte er damit einer "Verwelschung" entgegentreten, die durch etwaige weitere Übersetzungen von Werken Paul Claudels um sich greifen könnte. Auch hat nicht etwa der Verfassungsschutz in ihren bisherigen Übertragungen Fehler entdeckt, vor denen er unsere Claudel-Freunde bewahren wollte. Man überschätzt unseren Verfassungsschutz da wohl etwas. Dem ging es dabei um nichts als um unsere Staatssicherheit.

Was aber den Bundespräsidenten anbelangt – da liegt die Sache ganz anders, als mancher wähnt.

Der Bundespräsident hat es, wie so oft, gut gemeint. Er ist nur, wie so oft, falsch verstanden worden. Er wollte Frau Professor Faßbinder nicht kränken. Im Gegenteil. Ihm ist nämlich, so scheint mir, zu später Stunde etwas aufgegangen. Dr. Lübke leidet neuerdings unter einem Überdruß an Orden überhaupt. Wenn man seit Jahren vorwiegend damit beschäftigt ist, solche anzunehmen oder zu verleihen, muß es einmal soweit kommen. Der Bundespräsident kann einfach keine Orden mehr sehen. Ob es das Bundesverdienstkreuz mit oder ohne Stern, ob es das Grubenwehr-Ehrenzeichen ist – sie hängen ihm alle, mit Verlaub gesagt, zum Halse heraus.

Ich vermute, Dr. Lübke ist an Schopenhauer geraten. Das hat meistens Folgen. Schopenhauer hielt ja Orden für eine Art Pleitezeichen des Staates: Wenn der kein Geld habe, Leistungen nach Gebühr zu belohnen, hefte er den Leuten Orden an die Brust.

Orden jeder Art sind Dr. Lübke schon verleidet seit der Sache mit Herrn Bütefisch, dem man einen Orden wieder entziehen mußte, weil er seine Verdienste vorwiegend im Dritten Reich erworben hatte. Dann gab es die Aufregung um Loni Schmidt, die Friseuse von Frau Lübke, wegen der Annahme eines madegassischen Ordens. Wenn es nach mir ginge, könnte Herr Bütefisch jede Woche einen Orden verliehen bekommen. Und Loni Schmidt müßte noch einen libanesischen Orden dazu bekommen; vielleicht eine goldene Brennschere mit Schärpe.

Dem Bundespräsidenten ist die Fragwürdigkeit der ganzen Ordensverleihung überhaupt bewußt geworden. Mißbilligend betrachtet er die wilde Ordensgier.