Am Montag forderte Berlins Bischof Kurt Scharf die Pfarrer auf, seinen erkrankten Amtsvorgänger während der Gottesdienste zum kommenden Sonntag in das Fürbitten-Gebet einzuschließen. Schon einen Tag später starb Otto Dibelius, der ehemalige evangelische Bischof von Berlin-Brandenburg und erste Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der 86jährige Kirchenmann war an einer Gesichtsrose erkrankt.

Stets galt für die bedeutenden Männer der Evangelischen Kirche, daß sie streitbar und zugleich umstritten waren. Dibelius war ein solcher Mann: wortgewaltig als Prediger, machtbewußt als Kirchenführer, ein treuer Diener seines Gebieters und ein unerschrockener Protestierer gegen das, was er als ungerecht und unwahrhaftig empfand. So mag zuweilen auch der Trotz, mit dem er an Traditionen im kirchlichen Raum festhielt, und sein kompromißloser Widerwille gegen Anpassung und Fortschrittsdenken gerade im politischen Bereich seinen Urteilssinn verengt haben. Aber selbst in jenen Fällen – ob in seinen Predigten in der Ostberliner Marienkirche oder in seiner Kampfschrift zum Thema "Obrigkeit" – war er ein protestantischer Bischof: beugsam nur vor seinem einen Herrn. "Ein Christ", so sagte er einmal, "ist niemals außer Dienst." Auch darum hat er sich um die Kirche der Evangelischen nach 1945 wie kaum ein zweiter verdient gemacht. Sie braucht solche Wächter. D. St.