Von Henning Rischbieter

Das neue Stück von Peter Weiss, "Der Gesang vom lusitanischen Popanz", ist nicht in Deutschland zum ersten Male gespielt worden – nicht in Westberlin wie die Moritat "Nacht mit Gästen" und das "Marat"-Schauspiel, nicht gleichzeitig in der Bundesrepublik und in der DDR wie "Die Ermittlung". Eine kleine, neugegründete schwedische Truppe hat den Text in einem Stockholmer Privattheater, der Scala, zuerst gezeigt. Mit einer Aufführung in Rostock ist in absehbarer Zeit zu rechnen. Von westdeutschen Inszenierungen ist bislang nichts bekannt.

Hat Weiss ein formal schwaches oder ein rein kommunistisches Stück geschrieben? Beide Fragen bin ich geneigt zu verneinen, nachdem ich den ursprünglichen deutschen Text gelesen und die von Weiss zusammen mit dem Regisseur hergestellte schwedische Fassung zweimal in Stockholm auf der Bühne gesehen habe.

Der "Gesang vom lusitanischen Popanz" ist ein szenisches Pamphlet (die Gattungsbezeichnung "Musical", die man in Stockholm verwandte, führt bei uns auf eine falsche Fährte). Ein Pamphlet: die Verhältnisse in den portugiesischen Gebieten in Afrika, besonders die in Angola, werden von Sprechern, Chören und Rollenträgern dargestellt. Elf Nummern hat der Text. Sie berichten von privater Ausbeutung eines Dienstmädchens in Portugal, von der Jahrhunderte zurückliegenden Entdeckung und Eroberung Angolas durch den Portugiesen Diego Cao, von der Kolonisation, die Weiss schlichtweg als Ausbeutung begreift, von den sozialen Grundtatsachen im Land: Neunundneunzig von hundert afrikanischen Arbeitern verdienen durchschnittlich fünf Dollar im Monat, nur dreißigtausend Assimilados ist es gelungen, die Qualifikationen zu erlangen, die an Stelle der formell nicht existierenden Rassenschranken die portugiesische Herrschaft sichern. Es wird erzählt von der Bitte einer Provinz um Selbstverwaltung, die als revolutionäre Handlung betrachtet wird und zur Ermordung der männlichen Bevölkerung durch die Herrschenden führt.

Zu den Zahlen treten die Namen: die der finanziell in Angola engagierten europäischen und amerikanischen Unternehmungen (der "Firma Krupp" folgt die "Bethlehem, Steel Corporation") zu den dreißig Prozent Gewinn, die sie jährlich erzielen. Nr. VIII nennt das Datum des 15. März 1961, den Beginn des Aufstandes, des Guerilla-Krieges gegen die Portugiesen. Von nun an steigen die Zahlen der Truppen, die gegen den Freiheitskampf eingesetzt werden: 25 000, 80 000. Ein "ausländischer Justizminister" (Richard Jäger) feiert die Eintracht im Lande. Auf dem Höhepunkt wird dem Hinweis auf die Verschwisterung Portugals mit den NATO-Ländern der Klagetext über die verfaulenden, verhungernden, zu Tode geprügelten Gefangenen in Fort Peniche gegenübergestellt.

Elf Nummern: in jeder kontrastiert Weiss die Stimmen der Unterdrückten mit den scheinheiligen, bornierten, machtbesessenen Stimmen der Unterdrücker. Sie erscheinen als Bischof, General, Kolonisator, Polizist, schließlich in satirischen Tiermasken: der ausländische Finanzier als Fuchs, der Portugiese als Papagei (eine Anspielung auf Salazars scharfes Profil). Das System, das sie vertreten, ist bildlich anwesend im Popanz. Ihn umtanzen, fürchten, verhöhnen die Afrikaner. Sie übernehmen in der Stockholmer Aufführung mittels knapper Requisiten und Kostümierungen auch die Parts derer, von denen sie unterdrückt werden. Indem sie sich verlarven, entlarven sie. Das Spiel geht in Agitation über. Weiss hat, mit den sprachlichen Mitteln, die er in der "Nacht mit Gästen" und in der "Ermittlung" entwickelte – grobe Reime, Knittelverse, dazwischen rhythmisierte Prosa –, ein antikolonialistisches Pamphlet geschrieben. Stimmen die Fakten, die Zahlen, die Namen, die Ereignisse, die er montiert? Aber ich nehme an, ich setze voraus, daß Weiss’ Text – als Pamphlet, mit der Zuspitzung, die diese Form erlaubt und fordert – zutreffend ist. Er trifft wen?

Das Stück hat eine Vorgeschichte, nämlich die Kontroverse, die sich zwischen Peter Weiss und Hans Magnus Enzensberger im Kursbuch abspielte. Enzensberger hatte (Kursbuch 2) konstatiert, daß an Stelle der alten weltpolitischen Gegensätze und Klassenspannungen eine dominierende neue Scheidung der Welt getreten sei: in Arme und Reiche. Hier die USA, Europa, aber auch die UdSSR, dort China, Südostasien, Afrika, Lateinamerika. Er hatte bezweifelt, daß wir, die Reichen, fähig seien, aus unserer Haut zu fahren und unsere Interessen beiseite zu setzen. Weiss antwortete Enzensberger scharf und erregt: "Indem wir uns soviel Kenntnisse wie möglich verschaffen über die Zustände in den von ‚Reichen‘ am schwersten bedrängten Ländern, können wir diese Länder in unsere Nähe rücken und unsere Solidarität mit ihnen entwickeln." Das ist das Programm seines neuen Stückes.