Von Sandra Sassone

Rom, Anfang Februar

Ein paar Schweizer Gardisten, hier und dort ein päpstlicher Gendarm, etwa ein Dutzend Monsignori in ihren Soutanen – das war alles, was Nikolai Podgorny, Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets, am Montag bei seinem Besuch im Vatikan von den "Divisionen des Papstes" zu sehen bekam. Vor zwei Jahrzehnten glaubte man in Moskau noch, die weltpolitische Macht der katholischen Kirche an solch offensichtlicher Schwäche messen zu können. "Der Papst? Wie viele Divisionen hat der Papst?" hatte Stalins abschätziges Urteil auf der Konferenz von Jalta gelautet.

Seither ist man im Kreml um manches klüger geworden. Das Führungskollektiv, das heute das Erbe Stalins verwaltet, entsandte Podgorny nach Rom, wo er als Staatsoberhaupt der atheistischen Sowjetunion Auge in Auge dem Manne gegenübertrat, der sein Amt als göttlichen Auftrag begreift. So wurde die Welt Zeuge eines Ereignisses, das Geschichte machen kann, das auf alle Fälle in die Geschichte der Beziehungen zwischen Katholizismus und Kommunismus eingehen wird.

Die als ein Zusammentreffen, nicht als Privataudienz deklarierte Begegnung in der päpstlichen Privatbibliothek war in Wirklichkeit eine wohlvorbereitete Kurzkonferenz auf höchster Ebene. Beide Seiten hatten diesen Meinungsaustausch aus ganz nüchternen Überlegungen politischer und kirchenpolitischer Zweckmäßigkeit angestrebt: die Sowjets, weil sie bei ihrer internationalen Doppelbelastung im Westen und im Fernen Osten auf die – vielleicht sogar wohlwollende – Neutralität einer Institution hoffen, die immerhin etwa 350 Millionen Menschen zu beeinflussen vermag; der Papst, weil er seinen universalen Verkündigungsauftrag bei Duldung durch die staatlichen Behörden des Ostens besser erfüllen zu können glaubt als in einem Klima des antikommunistischen kirchlichen Kreuzzuges.

"Der Heilige Stuhl hat die Pflicht, die Rechte der katholischen Kirche, wo immer es solche gibt, sicherzustellen, und das unter jeglichen Umständen." Dies schrieb das päpstliche Staatssekretariat Anfang 1942 in einer Note an die englische Regierung, die sich über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem Vatikan und Tokio, unmittelbar nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbour, beklagt hatte. Daß diese "realistische" Einstellung nicht schon damals auch gegenüber dem kommunistischen Osten zum Durchbruch kam, lag sicherlich mit an der starren Haltung Pius’ XII. Es lag aber wohl mehr noch an der bei Stalin völlig fehlenden Bereitschaft zum Dialog mit einer Macht, die er zutiefst verachtete und auch unterschätzte.

Vatikanische Fühler zum kommunistischen Osten hat es immer, selbst in den Zeiten der schärfsten Kirchenverfolgung und der heftigsten ideologischen Auseinandersetzungen gegeben. Das können diejenigen bestätigen, die seinerzeit zu der engsten Mitarbeitern Pius’ VI. Zund Pius’ XII. gehörten. Erwidert wurden diese Tastversuche aber erst in der nachstalinistischen Zeit. Das direkte Gespräch ließ dann nicht mehr lange auf sich warten.