Ulbrichts Hauspostille "Neues Deutschland" hatte das Unglück kommen sehen. Schon Anfang 1965 warnte die Zeitung: Bonns einziges Ziel sei es, Zwietracht unter den Brüdern im sozialistischen Lager zu säen. "Neues Deutschland" wußte auch, auf welchem Acker diese Saat ihre Früchte tragen würde. In einigen sozialistischen Ländern, so monierte das Blatt, gäbe es bürgerliche Kräfte, die national-kommunistischen Träumereien nachhingen. Sie zeigten damit dem Westen die weiche Stelle, wo eiseinen Angriff ansetzen könne.

Die weiche Stelle war die Wirtschaft. In den Volksrepubliken sollten Wohlstand und Wirtschaftskraft so rasch wie möglich steigen, und Hilfe holte man sich, wo sie zu bekommen war. Der Handel mit den westlichen Ländern hat in den vergangenen zehn Jahren ständig zugenommen. Ebenso wie vor dem Krieg wurde die Bundesrepublik wieder zum wichtigsten westlichen Lieferanten Osteuropas. Nur langsam und zögernd folgen die Diplomaten den Pfaden, die die Wirtschaft im ideologischen Dschungel gebahnt hat.

Jetzt sieht es so aus, als ob allenthalben in Osteuropa Pankows Warnungen in den Wind geschlagen würden. Hat Ulbricht schon alle Hände voll zu tun, um sich der – wenn auch schüchternen – Annäherungsversuche des gesamtdeutschen Ministers Herbert Wehner zu erwehren, so muß er nun auch noch mit ansehen, wie überall in den sozialistischen Hauptstädten die Emissäre Bonns empfangen werden. Er muß fürchten, daß man dort über der Aussicht, mit der Bundesrepublik gute Geschäfte zu machen, völlig vergißt, wie "bösartig und kriegslüstern" die Westdeutschen nach der kommunistischen Doktrin sind.

Anlaß zum Kummer geben Ulbricht vor allem die Rumänen. In seinen Augen müssen sie mit Blindheit geschlagen sein. Der Oberbürgermeister von Bukarest, Jon Cosma, der gegenwärtig mit drei Kollegen durch die Bundesrepublik reist, hatte weder den Eindruck, daß die Bundesregierung eine friedensgefährdende Politik betreibt, noch hatte er etwas von akuten Kriegsvorbereitungen bemerkt: "Bei unseren bisherigen Kontakten mit den Menschen hier haben wir nichts davon sehen können." Statt dessen konnte sich Cosma über Städtebau und Verkehrswesen informieren und neue wirtschaftliche Kontakte herstellen – was die Rumänen zur Zeit mehr interessiert als das Alarmgeschrei aus Pankow.

Die Bundesrepublik ist heute der wichtigste Handelspartner Rumäniens im Westen, und von den Ostblockstaaten treibt nur die Sowjetunion noch mehr Handel mit dem Balkanstaat. Bis 1964 hatte die Tschechoslowakei noch den zweiten Platz im rumänischen Außenhandel gehalten. Jetzt nimmt ihn die Bundesrepublik ein.

Firmen aus der Bundesrepublik liefern nicht nur Maschinen, Fahrzeuge und Kunststoffe, sie stellten den Rumänen auch komplette Fabriken auf die grüne Wiese:

  • Die Klöckner – Humboldt – Deutz Chemieanlagenbau baut in Rimnicol Vilcea eine Kunststoffproduktion auf.
  • Die Gutehoffnungshütte beteiligt sich mit 75 Millionen Mark am Neubau des Stahlwerkes Galati und baut ein Schwimmdock.
  • Krupp liefert für 60 Millionen Mark eine Chemieanlage, die wiederum für die Versorgung einer Polyesterfabrik bestimmt ist, die von der Friedrich Uhde GmbH gebaut wird.
  • Mit Daimler wird zur Zeit über eine Zusammenarbeit beim Ausbau eines Omnibuswerkes in Bukarest und einer Lastwagenfabrik in Basov verhandelt.