Auf den Quadratmeter berechnet, dürfte kein Teil der Erdoberfläche im Laufe der Geschichte so viele Schriftsteller beherbergt haben wie die Insel Capri. Von Sueton bis Graham Greene, vom Marquis de Sade bis Hans Christian Andersen und Sinclair Lewis, von Gregorovius und Turgenjew bis Ernest Hemingway und Simone de Beauvoir, von Gerhart Hauptmann und Thomas Mann bis D. H. Lawrence und Stefan Zweig, von Galsworthy und Norman Douglas bis Rainer Maria Rilke und Jean Paul Sartre: sie kamen alle – Hunderte von ihnen, eine ganze Prominentenliste der Weltliteratur – und ließen sich von dem unwahrscheinlichen Blau des Meeres bei den Faraglioni-Klippen und von der heiteren Menge auf der Piazza inspirieren. Die im Palazzo Cerio untergebrachte „Biblioteca Caprense“ enthält die mehr als tausend Bände, die sie über diese Insel geschrieben haben.

Der Journalist, der Capri besucht, ist danach dankbar, wenn etwas Neues passiert, etwas ganz Unerhörtes, Noch-nie-Dagewesenes, worüber er berichten könnte. Das Unerhörte ist geschehen. letztes Jahr drohte ein Streik das Leben der Insel lahmzulegen. Die Hotelbesitzer, die Gastwirte und Geschäftsleute kündigten in eindrucksvoller Einmütigkeit die Schließung sämtlicher Alberghi, Restaurants, Tea Rooms, Souvenir-Läden, Boutiques und Lebensmittelgeschäfte von Capri an. Selbst Lenin, Gorki und Lunatscharski, die seinerzeit in jener „roten Villa“ oberhalb der Via Krupp schachspielend revolutionäre Pläne schmiedeten, wären zweifellos durch solche Entschlossenheit beeindruckt worden. Diesmal handelte es sich allerdings nicht um klassenkämpferische Ziele. Es ging um etwas ganz anderes: Es ging ums Wasser.

Auf der Insel gibt es keine Quellen. Allnächtlich transportieren Tankschiffe der italienischen Kriegsmarine die Mangelware Wasser von Neapel nach Marina Grande, dem Hafen von Capri, von wo dann die kostbare Flüssigkeit durch ein ausgedehntes Röhrensystem in alle Teile des Kalksteineilands gepumpt wird. Für den Winterverbrauch reicht diese staatliche Wasserversorgung völlig aus. Wenn jedoch im Frühjahr die Besucherinvasion beginnt, die in den Sommermonaten gigantische Ausmaße erreicht – im Jahr kommen auf jeden der achttausend „Eingeborenen“ rund hundert Fremde –, genügen die Hilfsdienste der Marine nicht mehr; die Behörden von Capri müssen dann für teures Geld private Tanker für die Beförderung zusätzlichen Wassers heuern. Jahrelang haben die Capresen vergeblich gegen diese finanzielle Belastung protestiert: bis ihnen endlich die Geduld gerissen ist.

Wie ernst die Drohung gemeint war, wird sich nie feststellen lassen. Vermutlich war jedoch die bloße Vorstellung, daß die Piazza verödet liegen könnte und die Zahl der Touristen, die mit bemerkenswerter Geschwindigkeit durch die Blaue Grotte geschleust werden, von 350 000 in jedem Jahr auf Null in diesem Jahr fallen würde, so grauenhaft, daß die Regierung sofort die Waffen streckte. Innerhalb von 24 Stunden sagte sie zu, daß die Wasserversorgung in ausreichendem Maße gesichert werden würde, sei es durch wirksamere Hilfe der Kriegsmarine, sei es durch den Bau einer Wasserleitung vom Festland (an die niemand glaubt) oder durch eine Subvention. Der Streik wurde prompt abgeblasen, die martialisch gefurchten Stirnen glätteten sich – und der Fremdenverkehr war gerettet.

Wer seine Urlaubsarrangements entsprechend regeln kann und auf das Schwimmen im Meere nicht unbedingt Wert legt, kommt natürlich außerhalb der eigentlichen Saison (also jetzt bis Ende April), wenn sich nicht mehr der Strom der Besucher, die nur für wenige Stunden kommen, durch die engen Gäßchen von Capri und durch Axel Munthes „Villa San Michele“ in Anacapri ergießt. Aber selbst im Juli und August trifft man, von dem hektischen Gedränge im Zentrum entfernt, auf einsamen Wanderungen zwischen den Olivenhainen und Weingärten von Anacapri oder zwischen Judasbäumen, Agaven und Palmen auf dem Weg zu den Ruinen des Tiberius-Palastes nur vereinzelte Menschengruppen.

Beides indes – die Verrücktheiten der kosmopolitischen Fremden, auffallend in Kleidung und Benehmen, und die verständnisvolle Nachsicht der Capresen – trägt wesentlich dazu bei, die eigenartige mild-heidnische Atmosphäre zu schaffen, die so bezeichnend für diese Insel ist. Niemand läßt sich natürlich ernsthaft täuschen: Exzentrizität und Toleranz sind nicht mehr so spontan wie in den guten, alten Tagen. Aus dem von künstlerisch-bohemienhafter Geselligkeit erfüllten Café „Zum Kater“ (benannt nach dem vierbeinigen Helden des „Trompeters von Säckingen“, den Viktor von Scheffel hier schrieb) ist ein modernes Lokal „Zum Kater Hiddigeigei“ geworden, und bei der Marina Piccola muß man für die Miete eines Liegestuhls beinahe ebensoviel zahlen wie anderswo für seinen Besitz. Aber was spielt das schon für eine Rolle? Schließlich zahlt man sonstwo auch nicht 650 Lire für eine Tonne Wasser, wie es so viele Jahre in Capri geschah und wie es vielleicht trotz Streikdrohung und Regierungsversprechen noch immer geschieht... Robert Lucas