Hermann Ziock: Sind die Deutschen wirklich so? Meinungen aus Europa, Asien, Afrika und Amerika. Erdmann-Verlag, Herrenalb. 362 Seiten, 18,50 DM

Ist die oft gerühmte deutsche Gründlichkeit auch eine Flucht ins Detail und ein Zeichen von Unfähigkeit, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden? Ist die deutsche Ordnungsliebe nicht auch Ausdruck phantasieloser Rücksichtslosigkeit, wenn es um Menschen geht? Ist der ehemalige Offizier typisch, der zwei Jahre nach der Kapitulation mit Frau und Kind in einer holländischen Stadt auftauchte, um ihnen die Stätte seines Wirkens als Ortskommandant zu zeigen? Ist Mangel an Fingerspitzengefühl, das heißt an Einfühlungsvermögen, an Entgegenkommen, an Urbanität typisch? Immer gibt es in allen Kollektiven alle. Arten von Menschen, taktlose und feinfühlige, grobe und aufmerksame einzelne Personen – aber wer ist "typisch deutsch"

Der junge Deutsche, der einem akademisch gebildeten Inder den Sitzplatz, auf den dieser mit Platzkarte Anspruch hat, nicht räumen will, weil er "einem Schwarzen nicht Platz mache"? Der Beamte, der auf seine Vorschriften pocht, obwohl er "als Mensch Verständnis hat"? Der Zwang, jede Frage mit ja oder nein zu erledigen, unfähig, eine Sache reifen zu lassen oder in der Schwebe zu sehen? Sind wir, verglichen zum Beispiel mit 1930 oder 1950, was die politische Reife, die Weltoffenheit angeht, weiter gekommen?

Wie wir Deutschen wirklich sind, könnten uns vielleicht die sagen, die als Ausländer bei uns leben: Aus dieser Frage ist der von Hermann Ziock herausgegebene, in der Schriftenreihe des Stuttgarter Institutes für Auslandsbeziehungen erschienene Band entstanden, der 24 Beiträge zusammenfaßt. Die Spanne der Autoren, fast durchweg profilierte Publizisten, die zu Deutschland ein enges Verhältnis haben, reicht von Terence Prittie bis zu Leopold S. Senghor, von dem japanischen Germanisten Kano bis zu einem Vetter des Dramatikers Dürrenmatt. Eine etwas schwerfällige, gravitätische Auswahl, von der soziologischen Befragungspraxis weit entfernt, aber doch in vielfältiger Beziehung anregend.

Das schreibt zum Beispiel ein 1911 geborener Musikkritiker und Kulturpolitiker über das Land, das "Goethe und Beethoven, Himmler und Hitler, Hegel und Heine, Marx und Engels, Bismarck und Wilhelm II., Thälmann und Papen" hervorgebracht hat: "Immer noch versuchen sie, Alarm zu schlagen, wollen sie an die Verbrechen der Nazizeit erinnern; sie haben einen Schuldkomplex den Juden und Polen gegenüber, und sie bemühen sich, diesen Komplex dem Volk einzuimpfen, das entweder wie die Alten unwillig und stumpf oder – wie die Jugend der Autos – gleichgültig reagiert."

Stefan Kisielewski, der dies schreibt, lebt als Abgeordneter in Breslau und ist Repräsentant des katholischen Abgeordnetenzirkels. Ob ein Heimatvertriebener, der in einer Vertriebenenorganisation politisch das "Recht auf Heimat" vertritt, ähnlich vorurteilsfrei reagieren würde? Auch auf simple Fragen gibt es nur komplexe Antworten und neue Fragen. Solche neuen Fragen stellen sich auch bei der Lektüre dieses Buches.

Hannsferdinand Döbler