Mit 35 war er der am meisten bewunderte und gefeierte Mann seiner Zeit. Eine mehrjährige Reise, auf der er zwar unmittelbar vor dem ersehnten Hauptziel umkehren mußte, hatte ihn so berühmt gemacht, daß er mit Auszeichnungen, Ehrendoktoraten, Einladungen zu Banketten und Empfängen geradezu überschüttet wurde. Dann folgten Jahre stillen Arbeitens; "wir haben gekämpft, wir haben gesät, aber jetzt ist die Erntezeit gekommen", schrieb er, und im Turmzimmer seines großen Hauses, von dem aus er weit über Meer und Wald blicken konnte, wertete er die Ergebnisse seiner einmaligen, waghalsigen Expedition aus. Acht Jahre lebte er in einer Zurückgezogenheit – allerdings nicht allein; er hatte geheiratet, und mit seiner Frau hatte er fünf Kinder. In jener Zeit erhielt er einen Lehrauftrag und eine Professur. Doch war das Interesse an seinen Forschungen nicht groß; meist las er vor nur einem Dutzend Studenten. Das trug dazu bei, daß er seinen Aufgabenkreis schließlich als zu eng empfand und sich entschloß, einem Ruf ins politische Leben zu folgen. Als Gesandter ging er ins Ausland; seine Frau und die Kinder blieben daheim.

Draußen, in der großen Gesellschaft, verliebte er sich in eine andere Frau; was zunächst vielleicht als harmloser Flirt gemeint sein mochte, führte zu einer Krise in seinem Leben. Bei seiner Stellung konnte es nicht ausbleiben, daß über das Verhältnis geredet wurde; Andeutungen und Gerüchte drangen bis in seine Heimat und zu seiner Frau. Als er dann versuchte, sich von der anderen zurückzuziehen, stieß er auf Schwierigkeiten: sie wollte ihn nicht lassen und drohte mit Selbstmord. Da er fürchtete, sie könne ihre Drohung wahr machen, wagte er nicht, das Verhältnis zu lösen. Fast ein Jahr lang blieb er in der für ihn höchst unerfreulichen Situation, die er seiner Frau offen schilderte.

Dennoch hätte das ganze eine Episode bleiben können, wenn nicht seine Frau, erst vierzig Jahre alt, ganz plötzlich gestorben wäre, an einer Lungenentzündung. Nach ihrem Tode litt er lange Zeit an Depressionen und warf sich vor, sich zu wenig um sie gekümmert zu haben. Erst jetzt kehrte er in die Heimat zurück, wo er seine Forschungs- und Lehrtätigkeit wieder aufnahm und sich der Erziehung seiner Kinder widmen wollte. Das jüngste, ein Sohn, war mit einem Gehirnschaden auf die Welt gekommen; es starb im Alter von neun Jahren. Er zog sich fast völlig in sich zurück, ritt stundenlang allein durch die Wälder, verhärtete sich. Seine Kinder mußten darunter leiden; statt sie enger an sich zu binden, stieß er sie mit häufigem Geschimpfe und oft auch mit Schlägen zurück. Wenn sie spielten und dabei laut wurden, war ihm das unerträglich. Er wurde immer strenger gegen sie.

Übrigens war auch er selber äußerst streng erzogen worden. Der Mann, der so vielen als Vorbild an Furchtlosigkeit und unbedingter Härte gegen sich selbst galt, sagte im Alter: "Von Natur war ich weich, nur die Strenge der Erziehung hat mich hart gemacht." Vor allem eines hatte man ihm als Kind eingeprägt: selbständig zu sein und zu denken und in jeder Situation möglichst ohne fremde Hilfe auszukommen.

Doch war das nicht etwa Erziehung zum Egoismus. Er selber hat die letzten Jahrzehnte seines Lebens nur die eine Aufgabe gekannt: anderen Menschen zu helfen. Er machte es möglich, daß eine halbe Million Kriegsgefangener in ihre Heimat zurückkehren konnte; unter schwierigsten Bedingungen schuf er für Hunderttausende heimatlos gewordener Flüchtlinge eine neue Heimat, indem er riesige Landgebiete kultivieren ließ. Und als es in einem großen Land zu einer entsetzlichen Hungersnot kam, der annähernd fünf Millionen Menschen zum Opfer fielen, hat er – entgegen den Absichten vieler offizieller Stellen – auch da mit unermüdlichem persönlichen Einsatz für Hilfe gesorgt und damit Millionen Menschen das Leben gerettet.

Die Überwindung jener Hungersnot war der größte Erfolg seines Lebens; auch er war nur möglich, weil es für ihn keine Halbheiten gab. "Ich habe", sagte er einmal vor Studenten, "bei allen meinen Unternehmungen, die mir glückten, zunächst meine Schiffe hinter mir verbrannt und die Brücken abgebrochen." Doch hat er dieses Rezept nie in blindem Wagemut angewandt, sondern immer nur, nachdem er zum Gelingen eines Unternehmens alles Menschenmögliche mit wissenschaftlicher Sorgfalt vorbereitet hatte. Erst beides zusammen machte sein ganzes Rezept aus, das ihn zu so vielen Erfolgen geführt hat.

Wer war’s?

Der Mann, der sich im Alter von 33 Jahren als meistgelesener Schriftsteller in Deutschland bezeichnen konnte, war Jean Paul (1763–1825, mit vollem Namen Jean Paul Friedrich Richter). Mit seinem schwärmerisch-idealistischen Werk machte er den Roman zur bevorzugten Form in der deutschen Literatur und sich selber zum Liebling der Damen. Jean Paul schuf in seinen Romanen, Idyllen, Humoresken den "hohen" Menschen, der fähig ist, die Geringfügigkeit irdischen Tuns zu fühlen und sich über die Erde zu erheben, und der die Kunst besitzt, stets fröhlich zu sein. – Studiert hat Jean Paul in Leipzig; über das dort herrschende Promenadenstutzertum hatte sich einige Jahre zuvor schon Goethe geärgert und lustig gemacht.