K. H., Berlin, Anfang Februar

Die deutschen Kommunisten haben Gewehrsalven auf Wehrlose stets als Ausdruck ihrer Souveränität betrachtet und sich eine Einmischung in diese ihre innere Angelegenheit verbeten.

In der letzten Ausgabe der ZEIT äußerten wir dennoch die Hoffnung, daß an der Berliner Mauer nicht mehr so brutal von der Maschinenpistole Gebrauch gemacht würde. Kaum jedoch war die Zeitung ausgedruckt, da wurde an der Grenze in Berlin wieder ein Mann von gezielten Schüssen getroffen. Zwei Tage später kam es zu einem neuen Zwischenfall an der Demarkationslinie. In einem zu Westberlin gehörenden Kanal wurden nach Augenzeugenberichten zwei Flüchtlinge erschossen.

Dieser Bruch des Rechts und humanitärer Grundsätze wird auch nicht durch die kommunistische Staatsräson gerechtfertigt. Mögen die Ostberliner Machthaber für moralische Anklagen taub sein, so müßten sie doch die fatale politische Wirkung dieser Schüsse erkennen. Auch ihre Verbündeten haben sie immer wieder gedrängt, den Schießbefehl zumindest einzuschränken.

Vielleicht hat Ostberlin dem tatsächlich für einige Monate Rechnung getragen. Andererseits bemüht es sich gerade jetzt besonders eifrig um die Anerkennung seiner Souveränität. Möglicherweise sollten die Schüsse diesen Anspruch wieder einmal unterstreichen. Bewirken werden sie nicht nur im Westen das Gegenteil.

Die Hoffnung, daß man in Ostberlin den Wahnwitz dieses Handelns eines Tages einsieht, werden wir freilich auch nach den Vorfällen der vergangenen Wochen nicht aufgeben.