FÜR alle Freunde des unsterblichen Schalksnarren –

"Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel", nach dem Druck von 1515 mit 87 Holzschnitten herausgegeben von Wolfgang Lindow; Reclam-Verlag, Stuttgart; 304 S., 9,80 DM.

ES ENTHÄLT die 95 Historien und Schwanke, die 1515 in der Druckerei des Johannes Grieninger zu Straßburg erschienen und die erste greifbare Fassung dieses meistgelesenen aller Volksbücher bilden; bis 1650 kamen allein 28 deutsche Ausgaben und Übersetzungen in vielen Sprachen heraus. In der Vorrede verwahrt sich der Anonymus, der die Streiche angeblich auf Bitten seiner Freunde gesammelt und aufgeschrieben hat, gegen den Vorwurf, er habe irgend jemanden beleidigen wollen; vielmehr habe er die durchtriebenen Geschichten aufgezeichnet, "umb ein frölich Gemüt zu machen in schweren Zeiten". In Wahrheit hat dieser Herr N. vor allem übersetzt, denn der hochdeutschen Fassung liegt eine ältere niederdeutsche Sammlung von Eulenspiegeleien zugrunde, von der sich jedoch nichts erhalten hat. Der Herausgeber hat die Wort- und Lautgestalt des Textes unverändert gelassen; seine Anmerkungen und Übersetzungshilfen machen die Lektüre aber auch dem Nichtgermanisten möglich.

ES GEFÄLLT dieses älteste literarische Zeugnis vom Bauernsohn aus dem Braunschweigischen, weil es am ehesten erklären kann, was am Till Eulenspiegel zu allen Zeiten zum Lachen brachte und ihn gleichzeitig zu einer stets von neuem der jeweiligen Zeit angepaßten literarischen Figur werden ließ. Till war ursprünglich keineswegs ein gewerblicher Narr, viel eher ein Taugenichts und Gelegenheitsarbeiter, ein Gammler des vierzehnten Jahrhunderts, und seine Streiche dienten ihm vor allem dazu, sich über das dumme Gesicht des Gefoppten zu amüsieren. Gleichzeitig aber erlaubten sie ihm, soziale Ordnungen und Verhaltensweisen als dumm und töricht anzuprangern, und das erleichterte späteren Zeiten die Erfindung immer neuer Eulenspiegeleien. Hinter dem oft reichlich derben Witz, der zum Deftigsten gehört, was das ausgehende Mittelalter zu bieten hat, steht eine Menge Kritik an den Umständen: Eulenspiegel hielt in der Tat seiner Zeit den Spiegel vor, und der Spiegel ist auch heute noch nicht blind.

H. S.