Burckhardts große Biographie des Kardinals Richelieu

Von Theodor Eschenburg

Carl J. Burckhardt: Richelieu. Bd. I: Der Aufstieg zur Macht. 1935, 472 Seiten, 24,– DM; Bd. II: Behauptung der Macht und kalter Krieg. 1965, 499 Seiten, 29,50 DM; Bd. III: Großmachtpolitik und Tod des Kardinals. 1966, 559 Seiten, 29,50 DM; Verlag Georg D. W. Callwey, München.

In der Leipziger Straße in Berlin gab es die Buchhandlung Karl Buchholz. Dort konnte man im Dritten Reich Bücher von geistigem Rang kaufen, die Goebbels’ Zensur auf den Index gesetzt hatte. Der Kundige vermochte in offenen Regalen Bücher zu finden, deren Angebot vom Propagandaministerium nicht gewünscht wurde. Einige Generäle vom gegenüberliegenden Luftfahrtministerium, selbst eifrige Kunden, sollen dank Görings Huld Buchholz vor Goebbels’ Häschern behütet haben.

Der einzigartige Laden, in dem man einen Anflug von Kaffeehaus-Atmosphäre zu spüren glaubte, war an späten Nachmittagen und sonnabends meist voll. Es waren überwiegend Stammkunden, die sich untereinander kannten oder sich bei Buchholz kennengelernt hatten. Seriöse Buchrezensionen wurden damals immer seltener, aber hier bei Buchholz entstand eine neue Art von Markt – die Bewertung im Gespräch. Diskret verbreitete er die kritisch notierten Kurse seiner intimen Börse, die oft weit über Berlin hinausdrangen.

Ein Bestseller wurde hier – die Quantität an der Qualität der Leser gemessen – Carl Jacob Burckhardts Biographie über Richelieu, kaum daß sie zu Ostern 1935 erschienen war. Vom Autor wußte man damals nicht viel: ein Schweizer Professor für neuere Geschichte in Zürich, dann auch in Genf. Von 1918, nach dem Zuammenbruch der Donaumonarchie, bis 1922 Gesandtschaftsattache in Wien, Freund Rilkes und Hofmannsthals. 1923 hatte der Zweiunddreißigjährige im Auftrag des Roten Kreuzes das elende Los griechischer Kriegsgefangener und Einwohner in der völlig von der Außenwelt abgeschlossenen kemalistischen Türkei mit jener ihn immer wieder. auszeichnenden Verbindung von Autorität, Geschick und Bestimmtheit zu lindern verstanden.

Ein schmales Buch "Kleinasiatische Reise" hatte 1926 literarische Gourmets auf Burckhardt aufmerksam gemacht. Aus diplomatischer Diskretion hatte er die eigentliche Aufgabe verschwiegen; aber die faszinierend geschilderten Erlebnisse verbanden sich mit behutsam angedeuteten Perspektiven, auf Grund von Rückschlüssen aus profunder historischer Kenntnis und scharfen Beobachtungen.