Vor einigen Monaten noch hatte John Steinbeck, Nobelpreisträger, einen Brief in die Sowjetunion geschickt, an seinen einstigen Freund Jewgenij Jewtuschenko: "Mir sind alle Kriege verhaßt, und ganz besonders dieser in Vietnam... Aber Du, lieber Freund, verlangst von mir, daß ich nur die eine Hälfte des Krieges verurteile, unsere Hälfte. Meinerseits bitte ich Dich, mit mir zusammen den gesamten Krieg zu verurteilen .." Das las sich damals, als hätte es ein zur Objektivität entschlossener Mann geschrieben, ein Mann, der Gewalttätigkeit in jeder Form verabscheut.

Inzwischen ist John Steinbeck in Südvietnam und schreibt Briefe, Briefe über diesen Krieg, die unter anderem in der Pariser New York Herald Tribune, im Berliner Abend und in der Münchner Abendzeitung gedruckt werden. Sie lesen sich anders.

Nicht nur, daß den Nobelpreisträger seine Entschlossenheit zur Objektivität in dem Augenblick verlassen zu haben scheint, als man ihm erlaubte, eine echte amerikanische Uniform anzulegen; im selben Augenblick scheint er auch so etwas wie den naiven Eros des Krieges entdeckt zu haben – die Gelegenheit, Mann unter Männern zu sein, schwitzend Abenteuer zu bestehen, egal, ob andere dabei vor die Hunde gehen.

Andere? Der Fall ist einfach für Steinbeck. "Charley", schreibt er, "is a pure son of a bitch." Was fein mit "Hundesohn" zu übersetzen irreführend wäre; es heißt geradeheraus: "Die Vietcongs sind reine Arschlöcher." So schreibt ein Nobelpreisträger der Literatur, und es enthebt ihn der Notwendigkeit, sich Gedanken darüber zu machen, was die bewunderte – und von niemandem bezweifelte – Tüchtigkeit der GIs in diesem Land anrichtet. Entrüstet berichtet er ausführlich von Terrorakten des Vietcong und ihren unschuldigen Opfern; über die Opfer der amerikanischen Säuberungsaktionen verliert er kein Wort.

Auch daß man mit Andersdenkenden nicht argumentieren, sondern kürzeren Prozeß machen solle, ist dem Kriegsberichterstatter in Vietnam aufgegangen: "Wenn Du jemand den mißverstandenen und mißhandelten Vietcong feiern hörst", rät er seiner Briefpartnerin, "so hau ihm einfach für mich eine in die Schnauze, ja?"

Von Anfang an erfüllen ihn Stolz und Freude, wenn er amerikanisches Kriegsgerät in Aktion sieht. Einmal läßt man ihn als ersten eine Kanone abfeuern: "Das war ein ehrenvoller Augenblick, und sie gaben mir die Granatenhülse zum Mitnachhausenehmen." Immer wieder finden sich Wendungen wie "das tiefe, pulsende Ruhmesgefühl, (hier unter Soldaten) lebendig zu sein", der "Ausbruch der Ekstase", "Bewunderung und Freude, das mitanzusehen". "Ich beobachte (die Hände der Hubschrauberpiloten), und die Zartheit ihrer Koordination erinnert mich an die sicheren und scheinbar langsamen Hände von Casals auf dem Cello", schreibt er feinsinnig inmitten des Tötens, und inmitten des Schlamms findet er feinsinnige Worte über einen hohen südvietnamesischen Offizier: "Er gab mir zwei Bücher, die er. über die Bergvölker Vietnams geschrieben hatte – in einem Englisch, das ebenso delikat gewürzt war wie sein Tee." Cellisten, egal ob Cellisten des Todes, die sogar einen einmaligen Tee zu bereiten wissen.

"Kannst du die rasche Aufwallung des Stolzes begreifen, die man einfach nur darum empfindet, weil man zum gleichen Menschenschlag gehört wie diese Männer? Ich vermute, sie ist das Gegenteil von dem Schauder der Scham, den ich manchmal zu Hause fühle, wenn ich die Vietniks sehe mit ihrer dreckigen Kleidung, ihrem dreckigen Geist, diese sauer riechenden Schmarotzer und ihre zu kurz gekommenen und sterilen Polstergenossinnen. Ihre schlurfenden, lahmarschigen Protestbeteuerungen, daß ihnen das Gewissen gebiete, nicht zu töten, sind ziemlich albern."