Von Claus Gatterer

Vor nicht einem Jahr, nach dem großen Wahlsieg der österreichischen Volkspartei (ÖVP) im Frühjahr 1966, erlitt Bruno Kreisky auf-dem außerordentlichen Parteitag der Sozialistischen Partei (SPÖ) eine schwere Niederlage: der ehemalige Außenminister plädierte – trotz der demütigenden Bedingungen des stärkeren Partners – für die Fortsetzung der Großen Koalition mit der ÖVP; der Parteitag aber entschied sich für die Opposition. Auf dem ordentlichen SPÖ-Parteitag der vergangenen Woche wurde Kreisky nun für diese Niederlage entschädigt: 70 Prozent der Delegierten wählten ihn – allerdings ohne Gegenkandidaten – als Nachfolger des ehemaligen Vizekanzlers und amtierenden Präsidenten der Sozialistischen Internationale, Bruno Pittermann, zum Obmann der Partei.

In dieser Wahl, der sich die "Großmächte" in der SPÖ – der alte Zentralapparat und die Gewerkschaftsführung – widersetzt hatten, dokumentierte sich staatsmännische Weisheit. Es ist klug, die Oppositionsführung gegen die Alleinregierung der ÖVP in die Hände eines Mannes zu legen, der ein Verfechter der Koalition war, der als Staatssekretär und Minister unter allen großen Alten der ÖVP – unter Raab, Figl und Gorbach – "gedient" und der sich die Achtung auch des Gegners erworben hat. Wenn die ÖVP morgen einen Gesprächspartner auf der Oppositionsbank suchen müßte, wäre Kreisky der ideale Mann. Wenn sie freilich von der Opposition vor allem Unterwürfigkeit verlangt und Kritik als Respektlosigkeit gegenüber der Mehrheit wertet, dann wird sie bei Kreisky an den Falschen geraten. Er wird ein harter Chef der Opposition sein, so wie er ein energischer Verfechter der Großen Koalition war.

Kreisky ist der dritte Obmann der SPÖ in der zweiten österreichischen Republik. Seine Vorgänger waren der Bundespräsident Adolf Schärf, der "rote Hofrat", und Bruno Pittermann, der den Sozialisten einen Zickzackkurs zwischen linkem Radikalismus und rechtem Opportunismus aufzwang und damit die Partei in Radikale und Gemäßigte spaltete.

Der neue SPÖ-Obmann ist von anderem Zuschnitt. Kreisky ist nach Herkunft, Familie, Bildung und Parteikarriere jener Typus des österreichischen Sozialdemokraten, der in der Blütezeit der "k. u. k. Sozialdemokratie" und des Austromarxismus der Zwischenkriegszeit das geistige Profil der Partei bestimmte. Er stammt wie Viktor Adler, Karl Renner, Otto Bauer und Adolf Schärf aus den heute tschechoslowakischen Gebieten der alten Monarchie; wie Adler und Bauer kommt er aus einer großbürgerlichen Familie. Er ist, obschon Intellektueller, beim Parteivolk populär und geachtet – und das bedeutet viel in dem eingewurzelten Provinzialismus Österreichs. Groß sind daher auch die Erwartungen, die in ihn gesetzt werden. Vor achtzig Jahren hat es der großbürgerliche Nervenarzt Viktor Adler unternommen, Gemäßigte und Radikale zur Sozialdemokratie in Österreich zusammenzuführen. Wählten die Delegierten etwa Kreisky, weil ihm das auch gelingen könnte?

Der 1911 in Wien geborene neue SPÖ-Obmann – sein Vater war Generaldirektor in der Textilindustrie, seine Mutter Tochter eines Industriellen – ist vor allem darauf stolz, daß er als Sechzehnjähriger seine "Parteikarriere" nicht in der sozialistischen Studentenorganisation, sondern in der Arbeiterjugend begann. Von der Mutter fein herausgeputzt und in Wiens feudalste Tanzschule geschickt, traf er sich heimlich mit den Freunden aus der Sozialistischen Arbeiterjugend. Und dieser Organisation hielt er auch die Treue, wie sie ihm. 1933 wurde Kreisky zum erstenmal verhaftet; 1934, als Mitglied des Kreisvorstandes der Arbeiterjugend, diktierte er den Text für den Aufruf zum Februaraufstand. Nach dem Verbot der Partei durch den Austrofaschismus half er beim Aufbau der illegalen sozialistischen Jugendorganisation. 1935 wieder verhaftet, wurde er mit anderen Freunden wegen Hochverrats vor Gericht gestellt. Seine Verteidigungsrede war sein erstes großes Auftreten in der Öffentlichkeit. Auf achtzehn Monate Haft folgten Arbeit im Industriebetrieb und intensives Studium. 1937 promovierte Kreisky zum Doktor der Rechte. Im März 1938, nach dem "Anschluß", wurde er erneut verhaftet: Freunde ließen das Aktenmaterial des nunmehr als Sozialdemokraten und Juden doppelt Gefährdeten verschwinden und ermöglichten so Kreiskys Freilassung. Er floh nach Schweden und arbeitete dort in den Konsumgenossenschaften und als Journalist; als Sonderberichterstatter der Londoner "Tribüne" machte er auch einen Teil des finnischen Winterkrieges mit.

1945 wurde er erster Vertreter Österreichs in Stockholm. Damit trat er die diplomatische Karriere an. Bald aber holte ihn Bundespräsident Theodor Körner, nach einem Intermezzo in der wirtschaftspolitischen Abteilung des Außenministeriums, in die Präsidentschaftskanzlei. 1953 wurde Kreisky Staatssekretär im Außenministerium. Zwei Jahre später sekundierte er Raab, Schärf und Figl in Moskau und Wien bei den Staatsvertrags-Verhandlungen. 1956 wurde er Abgeordneter des Nationalrats und 1959 Chef des zum erstenmal seit 1918 selbstständig gewordenen Außenministeriums.