Edgar Varèse: "Arcana" und Frank Martin: "Konzert für sieben Blasinstrumente, Schlagzeug und Streicher"; Chicagoer Symphonie-Orchester, Leitung Jean Martinon; RCA LSC 2914, 25,– DM

Nur fünf Jahre trennen die beiden Komponisten dem Jahrgang nach, Welten dagegen liegen zwischen ihren ästhetischen Anschauungen. "Ich habe immer den Sinn der Tonalität, gesucht", bekennt Martin, der jüngere von beiden; "Musik schien mir von jeher schrecklich eingeengt, wie in eine Zwangsjacke gesteckt. Ich liebe Musik, die in den Weltraum hinausexplodiert", schrieb Varese, und: "Ich weigere mich, mich schon bekannten Klängen zu unterwerfen."

Bruitismus hat man das genannt, was Varese seinen Hörern vorsetzte, während Martin (sein Konzert entstand 1949) den Schubkästlern und ihren Ismen immer ein Schnippchen schlug. "Arcana" (Rätsel, 1927 von Stokowsky uraufgeführt) bietet eine für damalige Ohren ohne Zweifel ungeheuerliche Lärmerei: Überlaute dissonante Bläserakkorde werden von einem umfangreichen Repertoire von Schlagwerkeffekten immer noch übertrumpft, gegen sie stehen dann motorisch wirkende Streicherostinati und, plötzlich, ätherisch-sensible Tonballungen, die bereits die elektronische Musik vorwegahnen. Aber die Klangfelder sind auf eine seltsamerweise schnell deutlich werdende Weise "organisiert", das scheinbare Chaos zeigt sich als ein streng gegliedertes und sorgfältig angeordnetes Mosaik, das eine Welt darstellt, die wir heute die industrielle nennen. Jean Martinon, früher Generalmusikdirektor in Düsseldorf, hat mit dem Chicagoer Orchester Präzisionsarbeit geleistet, um diese Blockbildungen "verständlich" zu machen.

An der Rückseite werden sich die Geister zwar scheiden. Der sich betont avantgardistisch gebende Hörer wird mitleidig lächeln über die traditionsgeladene Chromatik, der nostalgische Konversative wird erst recht Anlaß haben, mit dem Finger auf Varese zu zeigen. Beide werden aber – hoffentlich – den diebischen Spaß nicht vergessen, den die jeweils von ihnen Belästerten sich gemacht haben, als sie andere listig aufs Eis der musikalischen Satire führten.

Heinz Josef Herbort