Bei der Hallenhandballweltmeisterschaft in Schweden belegte Deutschland hinter der Tschechoslowakei, Dänemark, Rumänien, Rußland und Schweden den 6. Platz. Dieses Abschneiden ist für den Erfinder des Handballspiels kein Ruhmesblatt. Die Optimisten erwarteten Deutschland in der Endrunde. War diese Ansicht berechtigt? Der Bundestrainer veranstaltete eine Reihe von Vorbereitungslehrgängen und erprobte seine Kandidaten gegen Auswahl- und Vereinsmannschaften. Dabei wurden hohe Siege erzielt. Die Ergebnisse gegen verschiedene Nationalmannschaften fielen ungleich knapper aus, obwohl die Mehrzahl der Gegner nicht zur Spitzenklasse der Welt zählte. Die Vorrundenresultate in Schweden ließen schon früh Befürchtungen aufkommen, daß das deutsche Abwehrgitter nicht hoch genug ist und zu viele Löcher aufweist.

Das moderne Hallenhandballspiel erfordert einen Allroundspielertyp, der im Angriff und in der Verteidigung gleiche Qualitäten besitzt. Ähnlich wie im Fußballspiel der Verteidiger stürmen und Tore schießen soll, muß der Wurfspezialist im Hallenhandball auch in der Abwehr seinen Mann stehen können. Im Angriff sind Ballbeherrschung, Spielwitz, Schnelligkeit, Wurf- und Sprungkraft und taktisches Zusammenspiel die Mittel zum Erfolg. Der krönende Torwurf aus dem Sprung oder Fall erhält den Applaus der Zuschauer und der Name des Schützen geht in die Spiel- und Presseberichte ein. Anders sieht es für die Abwehr aus. Hier sind keine Blumentöpfe zu gewinnen. Die Mannschaft in ihrer dicht geschlossenen Sechserreihe darf sich nicht überlisten lassen. Jeder muß seinem Nebenmann beistehen und keinen Augenblick in der Abwehrbereitschaft erlahmen. Nur so kann der "freie" Torschuß verhindert werden.

Bei der deutschen Mannschaft in Schweden hatte man den Eindruck, daß bei der Auswahl der Spieler zu einseitig die Stürmerqualitäten berücksichtigt worden sind und dadurch die Abwehraufgaben nicht genügend erfüllt werden konnten. Die deutschen Spieler bekamen für die wenigsten Strafminuten den Fairneßpokal. Seltsamerweise wurden gegen sie 32 Siebenmeterwürfe verhängt. Nach Auslegung der Schiedsrichter hat unsere Mannschaft zwar nicht unfair, aber übermäßig hart gespielt. Anders ausgedrückt, waren unsere Handballer den Gegnern an Gewandtheit und technischem Können unterlegen. Sie versuchten dies durch körperlichen Einsatz auszugleichen.

Dazu kommt, daß in Deutschland die meisten Hallenhandballspieler im Sommer Feldhandball auf dem dreigeteilten Feld spielen. Im Gegensatz zum Hallenhandball ist hier eine Aufteilung der Spieler in Stürmer und Verteidiger durch die Regel festgelegt und taktisches Prinzip. Die größeren räumlichen Verhältnisse bedingen u. a. eine andere Deckungsart (Manndeckung). Die deutschen Handballspieler müßten also halbjährlich umdenken und umlernen, um dem Hallen- und dem Feldspiel gerecht zu werden. In der Praxis schaffen es viele nicht. Darunter leidet in erster Linie das Hallenhandballspiel, wie man in Schweden sehen konnte.

Nach Ansicht des Verfassers sollte der Bundestrainer seine Aufgabe neu überdenken, wenn er in absehbarer Zeit mit der Nationalmannschaft Fortschritte erreichen will. Entscheidende Impulse werden vermutlich von den Bundesligavereinen (z. B. Gummersbach) zu erwarten sein, die heute schon wesentlich moderner spielen als die Nationalmannschaft. Hans Dieplinger