Von Gottfried Sello

In Köln hat sich ein "Verein progressiver deutscher Kunsthändler" konstituiert. Vorsitzender und Promotor der Vereinigung ist Hein Stünke, Galerie Der Spiegel, ein im internationalen Kunsthandel versierter Mann, der einzige deutsche Galerieleiter, der dem documenta-Rat angehört. Der Verein zählt achtzehn Mitglieder, sein erstes öffentliches Auftreten ist für den Herbst angekündigt.

Im Kölner Gürzenich werden die Galerien einen "Kunstmarkt 67" aufziehen, so ähnlich wie das seit vielen Jahren die Antiquitätenhändler im Münchner Haus der Kunst und die Antiquare, Autographen- und Graphikhändler in Stuttgart organisieren, eine Messe für moderne Kunst, auf der jeder Galerist anbieten und verkaufen kann, was er auf Lager hat, was ihm am Herzen liegt, wofür er sich stark macht, wovon er sich Profit verspricht. Noch betonter soll das progressive Programm auf einer Ausstellung manifestiert werden, die gleichzeitig mit der Messe im Neuen Haus des Kölner Kunstvereins vorgesehen ist und auf der jede Galerie ein bis zwei Künstler ihrer Wahl vorzeigen wird. Beide Veranstaltungen, Messe und Ausstellung, sollen in jedem Jahr und wenn möglich jedesmal in einer anderen Stadt über die Bühne gehen.

Hein Stünkes Initiative hat, kaum daß sie ruchbar wurde (und es lag durchaus im Sinne des Erfinders und seiner Freunde, sie publik zu machen), ein lebhaftes Für und Wider unter Beteiligten und Betroffenen, die am Kunstmarkt als Produzenten oder Konsumenten, als professionelle Beobachter oder auch nur als kunstinteressierte Zeitgenossen partizipieren, ausgelöst. Unterhält man sich mit deutschen Kunsthändlern, dann ist die unterschiedliche Reaktion nicht überraschend. Soweit sie dem Verein der Progressiven angehören, finden sie Stünkes Idee großartig. Verärgert dagegen sind natürlich diejenigen, die nicht dabei sind, aber gern dabei wären, weil sie sich ebenfalls für progressiv halten. Es kann nämlich nicht jeder, der möchte, Mitglied werden. Es genügt offenbar nicht einmal der Nachweis, sich progressiv betätigt zu haben. Der Verein huldigt einem numerus clausus, womit er allerdings Kritik und dunkle Unterstellungen herausfordert. Der Kreis soll eng gehalten werden, maximal ist von zwanzig Mitgliedern die Rede. Die anderen Galerien schließlich, die keinen Wert darauf legen, für progressiv zu gelten, stehen dem neuen Verein gelassen gegenüber, sie halten ihn für Schaumschlägerei und geben ihm ernsthaft keine Chance.

Marktbeobachter bewerten den Zusammenschluß als ein Symptom für die rückläufige Konjunktur. Die progressiven Kunsthändler hätten das Risiko verteilen und dem reduzierten Markt durch Propaganda und .attraktive Messen kräftige Impulse geben wollen. Aber so rückläufig ist doch die generelle Tendenz keineswegs, von einer Krisensituation kann auf dem internationalen Markt überhaupt nicht und auf dem innerdeutschen Markt auch nur bedingt die Rede sein. Allenfalls hat im Rheinland die euphorische Kauffreudigkeit der letzten Jahre ein bißchen nachgelassen. Wenn es aber nicht die Baisse ist, vor der die progressiven Kunsthändler Angst haben, was bezwecken sie sonst mit ihrer Vereinsgründung?

Argwöhnische Leute vermuten, und es gilt seit langern als ein Zeichen von Intelligenz und Eingeweihtheit, alles, was auf dem Kunstmarkt geschieht, mit Argwohn und unter dem Aspekt ausbeuterischer Profitgier zu betrachten, daß hier eine Clique den Versuch unternimmt, den Markt zu erobern, sich ein Monopol zu verschaffen für das, was in der modernen Kunst modern ist, und die Galerien, die nicht das Glück haben, dem Verein anzugehören, an die Wand zu spielen. Die Tatsache, daß der Verein gerade 1967, im Jahr vor der documenta, an die Öffentlichkeit tritt, scheint den Verdacht zu verstärken. Will der "Verein progressiver deutscher Kunsthändler" mit dem Kölner Kunstmarkt 67 der Entscheidung des documenta-Rates vorgreifen oder zum mindesten sie beeinflussen, will er seine Künstler lancieren? Sollen in Köln die Würfel darüber fallen, was uns 1968 in Kassel als aktuelle Kunst geboten werden wird?

Aber das sind bis auf weiteres müßige Spekulationen. Zunächst sollte man sich ruhig daran halten, was Stünke und Zwirner, der Geschäftsführer, als Vereinsziel proklamieren. Sie wollen, durch die jährliche Messe und Ausstellung, "dem breiten Publikum die Möglichkeit geben, sich mit den wichtigsten Richtungen der avantgardistischen Kunst vertraut zu machen". Das klingt vielleicht zu harmlos, um wahr zu sein. Aber ich bin sicher, daß sie es ernst meinen. Das Programm ist, zugegeben, nicht sonderlich originell, so ähnlich steht es in den Satzungen zahlloser deutscher Kunstvereine, Kunstgesellschaften und Künstlerbünde, die alle das Publikum über das zeitgenössische Geschehen informieren wollen. Daß die Kunsthändler nicht nur informieren, daß sie auch verkaufen wollen, macht ihr ideelles Programm aber nicht unglaubwürdig. Bemerkenswert und charakteristisch für die progressiven, zumeist jüngeren deutschen Galeristen ist nicht ihr kaufmännisches Geschick, sondern der geradezu missionarische Eifer, mit dem sie sich engagieren. Ob der Gegenstand ihres Engagements mit der Vokabel progressiv zutreffend oder auch nur annähernd richtig benannt wird, ist eine andere Frage. Schon "progressive Kunst" halte ich für einen höchst unglücklichen und anfechtbaren Terminus, gar nicht zu reden von "progressivem Kunsthandel". Aber man kann sich denken, was gemeint ist. Progressiv sind Galeristen dann, wenn sie sich um das jeweils Neueste in der Kunst, um aktuelle Tendenzen kümmern. Gegen Stünkes Idee ist nicht das mindeste einzuwenden, solange der Verein sich nicht anmaßt, eine Klassifizierung der deutschen Galerien vorzunehmen, bei der die Mitglieder die Elite des Kunsthandels darstellen, während die andern unter "ferner liefen" rangieren.

Man muß die Mitgliederliste studieren, man muß die vorhandenen und die fehlenden Namen vergleichen. Aus München beispielsweise findet man Stangl (sicher kein bedingungslos Progressiver!), van de Loo und Thomas, während Friedrich, Buchholz, Leonhardt fehlen. Und so geht es weiter, quer durch Deutschland. Thelen in Essen (der Prototyp einer progressiven Galerie), Bayer in Mainz, Schütze in Godesberg, die Galerie in Hannover, Lauter in Mannheim, die drei avantgardistischen Bremer Galerien sind nicht vertreten. Frankfurt wird von Appel und Fertsch, Hamburg von Hans Neuendorf repräsentiert. Für Berlin stehen Springer und René Block, während Schüler, die Galerie Großgörschenstraße, Ben Wargin, um nur drei von einem Dutzend progressiver Kandidaten zu nennen, nicht aufgenommen wurden. Düsseldorf ist mit Schmela, Niepel und Gunar ansehnlich vertreten. In Köln findet man außer den Initiatoren Stünke und Zwirner noch Anne Abels und Tobies & Silex. Brusberg in Hannover, Ricke in Kassel, die OP Galerie in Esslingen, Müller in Stuttgart, damit ist die Liste der achtzehn Mitglieder komplett, von einem Monopol auf Progressivität kann unter diesen Umständen nicht die Rede sein. Stünkes neuer Verein ist ein Torso.