Die Filme der Marx Brothers

Von Uwe Nettelbeck

Harpo und Chico Marx sindtot. Chico starb 1961, Harpo 1964. Der letzte Film, den die Marx Brothers gemeinsam gedreht haben, "Love Happy", ist fast zwanzig, ihr erster, "The Cocoanuts", fast vierzig Jahre alt. Und seit fast vierzig Jahren sind die Marx Brothers in aller Welt berühmt – nur in Deutschland nicht. Lediglich ein einziger ihrer Filme, "A Night in the Opera", ist. 1950 vorübergehend und erfolglos in unsere Kinos gekommen. Selbst die voluminöse "Geschichte – des Films" von Ulrich Gregor und Enno Patalas, der mangelnde Vollständigkeit sonst, kaum vorzuwerfen ist, erwähnt die Marx Brothers mit keinem Wort.

Was hier nachgeholt werden muß, das ist ungefähr so, als gelte es, in diesen Tagen endlich Laurence Sternes "Tristram Shandy" bei den deutschen Lesern einzuführen.

Daß es nachgeholt werden kann, haben wir dem Deutschen Fernsehen zu danken. Es sendet – in regelmäßigen Abständen fünf der insgesamt dreizehn Filme der Marx Brothers: "The Cocoanuts" und "Duck Soup" sind bereits gesendet; die Filme "The Big Store" und "Monkey Business" und "A Night in the Opera" werden folgen. Das Dritte Fernsehprogramm des Westdeutschen Rundfunks hat. außerdem noch "Go West" gezeigt und wird "Day at the Races" sowie die meisten der im Ersten Programm in deutschen Synchronfassungen laufenden Filme in den Originalfassungen zeigen – wahrscheinlich, hoffentlich, werden sich die übrigen Dritten Fernsehprogramme anschließen.

Der aus dem Elsaß in die Vereinigten Staaten eingewanderte Schneider und Tanzlehrer Samuel Marx und seine Frau Minnie, die Tochter eines deutschen Zauberers, waren, obwohl sie in einem New Yorker Slum hausen mußten und es ihnen alles andere als gut ging, im Kinderkriegen fleißig. Zwischen 1891 und 1901 setzten sie die Marx Brothers in die Welt: Leonard (Chico), Adolph (Harpo), Julius (Groucho), Milton (Gummo) und Herbert (Zeppo). Kaum aus den Windeln, versuchten sich die Brüder im Vergnügungsgewerbe durchzuschlagen, Chico als Klavierspieler, die vier anderen gründeten das Possen-Team "The Tour Nightingales". Aber der Erfolg ließ lange auf sich warten und kam erst in der Mitte der zwanziger Jahre mit dem Auftreten von Groucho, Harpo, Chico und Zeppo – Gummo hatte sich damals schon von der Bühne zurückgezogen und widmete sich nur noch der geschäftlichen Seite des Familienunternehmens – in George S. Kaufmans und Morrie Rysmans Vaudeville "The Cocoanuts", zu dem Irving Berlin die Musik geliefert hatte. Zwei Jahre lang konnte sich das Stück – wie wenig später das Musical "The Animal Crackers" – am Broadway halten;. 1929 wurde es verfilmt.

Kaufmän hatte sein Vaudeville nicht für die Marx Brothers geschrieben, es mag sogar sein, daß ihre Nummern, mit denen sie den wenig bemerkenswerten Gang der Handlung füllten, sie damals wirklich nur füllen sollten und Berlins Lieder und die Auftritte der Tanzmädchen nicht weniger zum Erfolg des Stückes beigetragen haben: Heute wäre es längst vergessen, ist "The Cocoanuts" nur noch der erste Film der Marx Brothers, geben nur noch ihre Nummern der braven Sache Glanz, ist es gerade, die verblichene Umgebung, die Grouchos Kalauern, Chicos und Harpos Klavier- und Harfennummern und Harpos fröhlichem Unwesen eine Folie verschafft, vor der sich das Genie der Brüder um so strahlender abhebt.