Von Joachim Schwelien

Washington, im Februar

Auf einer Woge amerikanischen Wohlwollen; ist Willy Brandt zu seinem ersten Besuch als Bundesaußenminister in Washington angelangt Der Enthusiasmus über den Beschluß Bonns, mit Rumänien und bald mit noch anderen osteuropäischen Ländern diplomatische Beziehungen aufzunehmen, ist in der Presse noch lebhafter hervorgetreten als bei den Regierungsbüros. So hieß es in einem begeisterten Kommentar der New York Times: "Dies ist eine dramatische Abkehr vorder Theorie Konrad Adenauers, daß ein starkes, geeintes Westeuropa eines Tages die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands erzwingen. könne, und von seinem Beharren auf der Wiedervereinigung als einer Voraussetzung für eine allgemeine europäische Aussöhnung."

Die jüngste deutsche Ostpolitik fügt sich ganz vorzüglich in das von Präsident Johnson am 7. Oktober in New York entworfene Konzept der neuen Prioritäten. Dieses Konzept setzt die Lösung des deutschen Problems an den Schluß, nicht an den Anfang eines Wiederzusammenfügens der getrennten Teile Europas, und es befürwortet den Brückenschlag der USA und ihrer westeuropäischen Verbündeten nach Osteuropa ebenso stark wie den nach Moskau.

Die Modifizierung der Hallstein-Doktrin erfolgte daher in einer glücklichen Konjunktur der Gestirne; die deutsche und die amerikanische Ostpolitik wirken im Augenblick besser koordiniert denn je zuvor. Der Schritt Bonns zum Osten hin hat seine positivste Wirkung im Westen, in Washington.

Läßt sich daraus Kapital schlagen? In den nüchternen Betrachtungen der Berufsdiplomatie – bei einigen Regierungsbeamten der alten Schule sind hier und da erste Zweifel über den Wert eines allzu schnellen politischen Rittes der Deutschen gen Ostland zu hören – wird behutsam abgewogen, ob neben dem unmittelbaren Nutzen für die amerikanische Entspannungspolitik auch für die Deutschen selbst auf lange Frist etwas aus der Neuorientierung herausschaut. Die Chance dazu, heißt es, sei vorhanden.

In der Sicht Washingtons sind Walter Ulbricht und seine Freunde plötzlich isoliert als die letzten kalten Krieger Europas. Sogar sowjetische Diplomaten in den USA lassen unverhohlen durchblicken, den Forderungen Moskaus sei mit dem Fernhalten der Bundesrepublik von atlantischen Nuklearverbänden voll Genüge getan, und Ulbrichts Insistieren auf seiner umgekehrten Hallstein-Doktrin interessiere die sowjetische Regierung herzlich wenig. Für die amerikanische Regierung ist die jüngste Moskauer Schimpfkanonade gegen Bonn viel weniger symptomatisch als die Tatsache, daß der Kreml dem Entschluß der Rumänen nicht das geringste Hindernis in den Weg gelegt hat und wohl auch kaum darauf aus sein wird, Prag, Budapest oder Sofia die Annäherung an die Bundesrepublik zu erschweren.