Von Arthur M. Schlesinger jr.

Wahlreden sind keine feierlichen Verträge mit dem Volk; sie bekunden Absicht und Hoffnung, und es gibt keinen Grund, die Aufrichtigkeit der Erklärungen Präsident Johnsons von 1964 anzuzweifeln, Was der Präsident offenbar nicht in Rechnung stellte, war eine fortgesetzte Verschlechterung der militärischen Lage. In den ersten Monaten des Jahres 1965 wurde die Situation so verzweifelt – jedenfalls stellte man es später so dar –, daß allein die Entscheidung vom Februar, den Norden zu bombardieren, und der Einsatz amerikanischer Kampftruppen im März einen vollständigen Zusammenbruch verhinderten. Jedenfalls glaubte der Präsident nun, keine andere Alternative mehr zu haben, als amerikanische Jungen an die Arbeit zu schicken, von der er noch ein paar Monate zuvor gemeint hatte, sie sei Sache der Asiaten. Die amerikanische Truppenzahl verdoppelte sich ein erstes Mal, dann noch einmal; im August 1965 betrug sie bereits 125 000 Mann. Die Luftangriffe wurden, von einer bedeutungslosen sechstägigen Pause im Mai abgesehen, stetig intensiviert.

Auf die Verstärkung unseres Engagements hin erhöhte Hanoi das seine. Unseren Schätzungen zufolge zählte der Feind im März 1964 90 000 und im Januar 1965 100 000 Mann. Nach dem aktiven amerikanischen Kriegseintritt stieg die Truppenzahl im April auf 135 000 Mann und im August auf 170 000. Im Dezember 1965 unterbrachen die USA das Bombardement ein zweites Mal. Siebenunddreißig Tage später wurde die Eskalation wiederaufgenommen, und Anfang 1967 betrug die amerikanische Truppenstärke annähernd 400 000 Mann. Was die Luftangriffe auf Nordvietnam betrifft, wurden im Februar 1966 1935 Einsätze geflogen, im April 5183, im Juni 7357, im Juli 9765 und im September 12 673.

Abkürzung durch Ausweitung?

Auf diese Weise lockte die Politik des "Noch einen Schritt" die Vereinigten Staaten tiefer und tiefer in den Sumpf. In der Rückschau erscheint Vietnam als ein Triumph der Politik der Gedankenlosigkeit: Nicht nach angemessener, sorgfältiger Überlegung sind wir in die gegenwärtige Zwangslage geraten, sondern durch eine Kette von kleinen Entscheidungen. Es ist nicht nur müßig, sondern unfair, nach einzelnen Schuldigen zu suchen. Nachdem Präsident Eisenhower 1954 eine militärische Intervention abgelehnt hatte, leitete er eine Politik der Unterstützung Saigons ein, die zwei Präsidenten später zur militärischen Intervention von 1965 führte. Jeder Schritt zur Vergrößerung des amerikanischen Engagements wurde – zu seiner Zeit durchaus plausibel – als der letzte betrachtet, der notwendig sein würde. Doch in der Rückschau wird deutlich, daß jeder Schritt nur zum nächsten führte, bis wir uns heute in den Alptraum der amerikanischen Strategen, einen Landkrieg in Asien, verstrickt sehen – einen Krieg, den kein Präsident, einschließlich Präsident Johnson, gewünscht oder beabsichtigt hat.

Johnson hat sein Endziel sehr klar umrissen: Er sucht, so sagt er, nicht den totalen militärischen Sieg oder die bedingungslose Kapitulation Nordvietnams, sondern eine Regelung durch Verhandlungen. Er hat gleichfalls seine Auffassung deutlich gemacht, daß der Weg zu einer politischen Lösung die Intensivierung des militärischen Drucks sei, bis ein angeschlagenes und wankendes Hanoi in Verhandlungen einwilligt – oder zumindest seine Streitkräfte zurückzieht und den Krieg verlöschen läßt.

Dies ist der seit Februar 1965 unbeirrt eingehaltene Kurs der Regierung. Neue Eskalationsexperimente werden zuerst abgelehnt, dann verleugnet, dann als unwesentlich abgetan und schließlich durchgeführt. Am Schluß erhebt sich von neuem der Ruf nach "nur noch einem Schritt". Die bisherige Medizin versagt – und uns fällt offensichtlich nichts anderes ein, als die Dosis zu verdoppeln. Für die Ausweitung des Krieges gibt es noch viele Möglichkeiten, und die Tatsache, daß wir sie gestern ausschlössen, bietet leider keinerlei Garantie, daß wir sie nicht morgen wahrnehmen. Und wenn die Luftangriffe Ho Tschi Minh nicht auf die Knie zwingen oder ihn von der Unterstützung der Vietcong in Südvietnam abbringen, bleibt immer noch die Invasion. General Ky hat bereits erklärt, daß wir in Nordvietnam einmarschieren müßten, um den Krieg zu gewinnen. In einer