Friedensfühler – Seite 1

Manchmal wundert man sich, daß die vielen Friedensfühler, die von Amerika nach Nordvietnam ausgestreckt wurden, ihr Ziel nicht erreichten. Darüber informierte ich mich bei einem von Johnsons Beratern, Henry Knowall.

"Wir tun wirklich alles, was in unseren Kräften steht", beteuerte er, "aber irgendwie geht es immer schief. Ist eben sehr kompliziert."

Ich sah ihn fragend an.

"Die Sache muß vor allem streng geheim bleiben."

"Darf die Weltöffentlichkeit nichts über die amerikanische Friedensbereitschaft erfahren?"

"Die Weltöffentlichkeit schon. Aber einen Teil unserer Wähler könnte es abstoßen."

"Was ist außerdem so kompliziert daran?"

Friedensfühler – Seite 2

"Unser Friedensfühler könnte in Hanoi falsch aufgefaßt werden."

"Sie meinen, er könnte für einen Friedensfühler gehalten werden?"

"So ungefähr. Die denken vielleicht, wir seien zu irgendwelchen Konzessionen bereit. Ferner ist es aus taktischen Gründen günstiger, wenn die Friedensfühler erst von der anderen Seite kommen. Deshalb warten wir mit unseren oft monatelang. Übrigens gibt es Friedensfühler und Friedensfühler."

Ich sah ihn erstaunt an.

"Manche Friedensfühler sind gar nicht für Hanoi bestimmt."

"Sondern?"

"Für U Thant, Wilson und Senator Fulbright. Sie sollen denen nur unseren guten Willen beweisen."

Friedensfühler – Seite 3

"Wenn nun so ein falscher Friedensfühler irrtümlich von Hanoi aufgefangen wird?"

"Bombardieren wir einen Ort, der noch nicht dran war. Dann wissen die schon Bescheid."

"Warum erreichen die echten Friedensfühler Hanoi so schwer?"

"Weil manche gar nicht erst aus Washington rauskommen. Manchmal streckt zum Beispiel McNamara einen Friedensfühler aus. Dann fühlt sich Rusk übergangen und streckt selbst einen Friedensfühler aus. Darauf stoppt der Präsident das ganze Unternehmen und zwinkert bei nächster Gelegenheit dem schwedischen Luftwaffenattache aufmunternd zu."

"Wieso?"

"Das ist Johnsons Friedensfühler. Damit will er sagen: Wenn Hanoi sein Abwehrfeuer gegen unsere Bomber einstellt, greifen wir nur noch alles übrige an – aber nicht mehr Hanoi."

"Großzügig von Johnson", sagte ich.

Friedensfühler – Seite 4

"Manchmal geht er darin fast zu weit. Dann macht er irgendein Angebot, auf das Hanoi eingehen könnte! Hinterher tut’s ihm sofort leid, und er läßt alles wieder rückgängig machen."

"Und im Augenblick – wie steht es da mit Friedensfühlern?"

"Leider nicht gut. Wir hatten da einen kanadischen Generalvertreter für Glückwunschkarten, dem der Präsident freundliche Grüße an Ho Tschi Minh auftrug. Unglücklicherweise wurde sein Hotel in Hanoi von unseren Bombern dem Erdboden gleichgemacht, als er gerade beim Frühstück saß. Natürlich irrtümlich."