D. Zn., Kehl

Eine Anfrage des niederländischen Sozialisten Vredeling bei der Brüsseler EWG-Kommission und die freimütigen Berichte einiger "Überläufer" machten es deutlich: Die Franzosen bedienen sich diverser "Zollspitzel", um ihren Landsleuten bei Einkäufen im deutschen Grenzgebiet besser in die Handtaschen zu schauen. Einem der Zollagenten, die in aller Regel Deutsche sind, war die Spitzelei leid geworden. Er erklärte jetzt: "Ich wurde angeheuert, weil ich mich in Frankreich gegen die Gesetze vergangen habe."

Tatsächlich fahren die Straßburger mit gemischten Gefühlen in die deutsche Schwesternstadt Kehl. Denn ihnen kann ein Schatten folgen. Der Pariser Zollarm ist überall. Deutsche "Söldner" aus dem badischen Raum werfen ihr Auge auf Fahrzeuge mit elsässischen Kennzeichen. Ihre Insassen werden bis in die Läden verfolgt. Danach wird die Autonummer per Telephon nach Straßburg gegeben. Die Folge: Den Rückkehrern wird auf der Europabrücke an der Zollstation auf den Kopf zugesagt, was sie in Kehl gekauft haben.

Die Zollspitzel-Idee wurde von den Franzosen gleichsam aus der Not geboren. Der Verkehr über die Straßburger Europabrücke stieg von Jahr zu Jahr. Die Zöllner schafften es kaum noch, auch nur oberflächlich in die Kofferräume der Autos zu schauen. Hinzu kam noch, daß die Elsässer das deutsche Kehl schon seit langem als Einkaufsoase für billige Industrieartikel entdeckt haben (die Waren sind im Schnitt ein Drittel billiger als in Frankreich).

Die Kehler Händler haben sich völlig auf die Konsumenten aus dem Elsaß eingestellt. Die Stadt hat 15 000 Einwohner, aber es heißt: "Unsere Laden-Alleen reichen für die Versorgung von 100 000 Menschen." Verständlich, daß die Kaufleute die Zollspitzel verfluchen. Man möchte sich jedoch nicht darüber äußern: "Dann setzen die uns gleich einen solchen Mann vor die Nase."

Auch die Franzosen halten sich in ihren Äußerungen zurück. Im Hauptzollamt auf der Straßburger Avenue de la Liberté wollte man von "Hilfszöllnern" zunächst nichts wissen. Dann jedoch räumte man ein: "Wir müssen uns gegen illegale Einfuhren mit allen Mitteln schützen."

Das Heer der Beobachter auf Kehls Straßen rekrutiert sich zumeist aus jungen Menschen. Einige von ihnen hatten in Frankreich einen Bagatellfall verursacht oder ein Alkoholdelikt auf dem Kerbholz. Mit dem Versprechen der Straffreiheit und eines ansehnlichen Salärs wurden sie verpflichtet. Dabei zeigten sich die Zöllner in Straßburg nicht kleinlich: 400 bis 500 Franken werden für den Nebenverdienst pro Monat bezahlt.