Von Hans Walter Berg

New Delhi im Februar

Wo die Führer der regierenden indischen Kongreßpartei früher mit Blumengirlanden und Segenssprüchen empfangen wurden, erwartet sie heute nicht selten ein Hagel von Steinen und Flüchen. Die Kongreßpolitiker, die seit neunzehn Jahren das Regierungsmandat in Indien als unkündbare Erbpacht betrachtet haben, lernen in diesem Wahlkampf zum erstenmal, daß ihr Machtmonopol sehr wohl in Frage gestellt werden kann. Sie werden sich eine kritische Prüfung ihrer Leistungen und Fehlleistungen durch 240 Millionen stimmberechtigte Wähler gefallen lassen müssen. Das Ergebnis dürfte sein, daß die Kongreßpartei ihre bisher sichere Zweidrittelmehrheit im Zentralparlament verliert, und daß sie in drei oder vier der siebzehn indischen Einzelstaaten in die Opposition gedrängt wird.

Die von vielen Beobachtern erwartete politische Götterdämmerung könnte ein ganz neues Kapitel in der Geschichte des unabhängigen Indiens einleiten, eine Entwicklung, die in ihren Konsequenzen sehr unterschiedlich beurteilt wird. Cassandras prophezeien – nach den inneren Erschütterungen, die Indien im vergangenen Jahr erlebt hat – den Untergang der parlamentarischen Demokratie und ihre Ablösung durch ein straffer gelenktes Regierungssystem. Die Optimisten dagegen glauben, daß sich erst jetzt – nachdem sich zum erstenmal Alternativen zur Kongreßregierung abzeichnen – ein lebendiges demokratisches Kräftespiel zwischen annähernd gleich starken Parteien entwickeln wird. Freilich erscheint es angesichts des sprichwörtlichen indischen Beharrungsvermögens zweifelhaft, ob sich solche grundlegenden Veränderungen in der einen oder anderen Richtung heute schon in Indien durchsetzen können.

Bei den drei voraufgegangenen Wahlen 1952, 1957 und 1962 hat der Kongreß noch die Rolle einer allmächtigen Staatspartei gespielt. Der erste indische Regierungschef Nehru beherrschte wie ein Cäsar nicht nur seine Partei, sondern die gesamte politische Szenerie. Die anderen Parteien befanden sich in so hoffnungsloser Situation, daß einer der angesehensten Politiker aus der alten Garde des Freiheitskampfes, Jai Prakasch Narrain, den verzweifelten Vorschlag machte, der Kongreßführer Nehru möge im Interesse der Demokratie mit seinem persönlichen Prestige einer Oppositionspartei auf die Beine helfen, damit dem Kongreß endlich ein ernstzunehmender Gegenspieler erwachse.

Nehru hat die Forderung Jai Prakasch Narrains unfreiwillig und anders, als sie gemeint war, erfüllt. Wenige Monate, nachdem die letzten Wahlen gewonnen waren, stürzte Indien, militärisch und politisch unvorbereitet, in die Katastrophe des Grenzkonfliktes mit dem kommunistischen China. Der Apostel der Bündnislosigkeit und friedlichen Koexistenz mußte nun in der von ihm selber provozierten akuten Krise im Herbst 1962 den Westen um Militärhilfe bitten.

Indien verlor seine führende Stellung unter den blockfreien Nationen und seine frühere weltpolitische Bedeutung. Das Vertrauen des indischen Volkes in seine Führung war schwer erschüttert, und es erlitt weiteren Schaden, als der außenpolitischen Katastrophe eine permanente Wirtschaftskrise folgte. Der Mythos des großen Staatsmannes Nehru begann zu erlöschen; mit seinem schwindenden Prestige verlor auch der Kongreß die bisher sichere Basis seiner Macht, und die Oppositionsparteien, für die Jai Prakasch Narrain den Beistand des starken Nehru erbeten hatte, profitierten jetzt von dem schleichenden Verfall seiner Kraft.