Die Frage ist nicht geklärt, ob tatsächlich ein Tropfen Blut auf den "Roten Platz" gefallen ist: Blut aus der Kopfhaut eines chinesischen Studenten, der an einer tumultuösen Kundgebung seiner Landsleute gegen den Kreml teilgenommen hatte. Tatsache ist aber, daß die chinesische Botschaft in Moskau zu einer Pressekonferenz einlud, um dieses Blut international vorzuzeigen. Zwar, Amerikaner wären nicht zugelassen und Russen nicht anwesend. Doch die erschienenen Gäste sagen übereinstimmend, daß ein chinesischer Student, dessen Kopf dick verbunden war, ein Podium bestieg und schrie.

Vermutlich sollte er nur den Verband vorführen. Aber da hat ihn wohl der Anblick des zahlreich anwesenden Publikums in Trance versetzt. Mit dramtischer Geste riß er den Verband ab. Die geladenen Journalisten drängten herzu. Sie sahen nur ein paar Schrammen, wie sie auch entstehen können, wenn sich einer energisch den Kopf kratzt. Doch noch lange gellten den Gästen die Flüche des Studenten in den Ohren: "Seht, was diese Rohlinge gemacht haben, diese Faschisten, diese Sswólotschi!" Er meinte nicht nur die Polizisten...

Sswólotsch – so habe ich spaßeshalber einen Menschen angeredet, dessen zweite Muttersprache das Russische ist. Da sah ich: Hätte ich’s ernst gemeint, so wäre er fuchsteufelswild geworden. Denn es heißt "Lump", "Schurke", "Drecksack". Es ist ein Wort weit jenseits der Grenze, bei der die knüppeldicke Beleidigung anfängt. Dennoch wiederholte der chinesische Student das Schimpfwort. Er nannte die russischen Führer samt und sonders "Faschisten" und "Sswólotschi". Und obwohl sein Kopf vielleicht Bekanntschaft mit einem Krüppel gemacht hatte und er danach wissen mußte, um was es sich handelte, rief er aus: "Schlagt ihnen die Schädel ein, dem Breschnjew und dem Kossygin! Hoch lebe Stalin und Mao!"

Wenn Gott dem Menschen die Sprache gegeben hat, dann hat der Teufel die Schimpfworte hinzugefügt. In Peking, wo die chinesischen "Rotgardisten" gegen die russische Botschaft demonstrierten, ging es den Sprechchören nicht darum, den "Faschisten" und "Sswólotschi" Breschnjew und Kossygin die Schädel einzuschlagen. Hier hieß es vielmehr: "Bratet sie in siedendem Öl!" Und damit diese Worte nicht ohne entsprechend "feine" Zutaten blieben, bewarfen sie das sowjetische Botschaftsgebäude mit Müll und beschmierten russische Autos mit Exkrementen. Es handelt sich ja um eine "Kulturrevolution".

Man könnte nun sagen: Peking ist so voller Wut auf Moskau wie Pankow auf Bonn. Und wem das Herz voll ist, dem quillt der Mund über. Darf man es wirklich so erklären?

Wer war freundlicher zu Mao und seinen Chinesen als de Gaulle und die Franzosen es waren? Dennoch nannten Schreier aus einer Gruppe von "Rotgardisten" in Peking den französischen Staatschef einen "Hundekopf". Und als ein Handelsattache der französischen Botschaft in Peking das Pech hatte, mit seinem Auto einem chinesischen Lautsprecherwagen eine leichte Beule zuzufügen, wurden er und seine Frau von wütenden "Rotgardisten" umringt, festgenommen, sechs Stunden festgehalten und beschimpft: "Verbrecher! Schlachtet die französischen Schweine!"

In Paris ist man darüber ganz empört, obwohl im revolutionären Vokabular das Wort "Schwein" noch vergleichsweise harmlos ist gegenüber Ausdrücken wie "Revisionisten" und "Faschisten".