Bonn, im Februar

Noch vor kurzem schien die Wahl von Josef Hermann Dufhues zum Vorsitzenden der CDU so gut wie sicher zu sein. Einige öffentliche Äußerungen Kiesingers wurden so ausgelegt, als sei er damit einverstanden. Doch später schwächte er diesen Eindruck wieder ab: Er habe noch keinen Verzicht ausgesprochen. Nach seiner Meinung könne ein Kanzler der CDU auf den Parteivorsitz nur dann verzichten, wenn der Parteivorsitzende ein "loyaler Mann" sei, der "nicht den Ehrgeiz der konkurrierenden politischen Führung hat".

Ein loyaler Mann ist Dufhues ohne Zweifel. Aber ob er nicht eine konkurrierende politische Führung anstreben würde, bliebe abzuwarten. Immerhin hat er im "Deutschen Monatsblatt" der Christlich-Demokratischen Union und später auf deren Wirtschaftstag in Bonn mit Nachdruck die Notwendigkeit einer unverwechselbaren Profilierung der CDU und damit ihrer Distanzierung von der SPD hervorgehoben. Kiesinger konterte, eine solche "Profilneurose" sei schon manchem schlecht bekommen. "Profil hat man, man sucht es nicht." An dieser Kontroverse wurde deutlich, wie leicht ein übermäßig aufs Profil bedachter Parteiführer dem um Kabinettskompromisse bemühten Regierungschef sein Geschäft erschweren könnte.

Dieses Regierungsgeschäft läßt sich in der Großen Koalition weit besser an, als Kiesinger und andere Regierungsmitglieder es sich zunächst vorgestellt haben mögen. Auf beiden Seiten herrscht die Einsicht daß Union und SPD ihr Bündnis nicht an engem Parteiegoismus scheitern lassen dürfen. Wenn sie ohne eindrucksvolle Resultate wieder auseinandergingen, müßte die Demokratie die Zeche bezahlen.

Auch Wehner hat Mühe, seine um das Parteiprofil besorgten Genossen von gefühlsgeschürten Attacken gegen die Union abzuhalten. Die strenge Disziplin, die es bei der SPD immer schon gegeben hat, erleichtert ihm das jedoch. Kiesinger hingegen mag nicht ganz wohl zumute sein bei dem Gedanken, Dufhues könnte bald von diesem, bald von jenem Hintermann gedrängt, just in einem Augenblick, wo sich das Kabinett unter schwierigen Umständen zusammenrauft, aus parteitaktischen Erwägungen die Gegensätze zwischen den beiden Partnern zu grell beleuchten. Wenn der Kanzler selbst Parteivorsitzender wäre, wie es ja Willy Brandt und Franz Josef Strauß auch sind, dann könnte er gerade in solchen Momenten die Interessen auf einen sinnvollen gemeinsamen Nenner bringen. Kiesinger trägt sich daher ernsthaft mit dem Gedanken, beim außerordentlichen Parteitag der CDU im Mai doch für den Parteivorsitz zu kandidieren. Jene warnenden Stimmen mögen ihm nicht ungelegen kommen, die ihm raten, die Macht nicht teilen zu lassen. Robert Strobel