In den letzten Tagen brauchten die Wertpapierabteilungen der Banken über Arbeitsmangel nicht mehr zu klagen. Mit der Hausse – so kann man die jüngste Aufwärtsbewegung schon bezeichnen – ist auch ein großer Teil des Publikums zur Aktienanlage zurückgekehrt. Es will den Anschluß an den abgefahrenen Börsenzug nicht verpassen. Nicht einmal die Enttäuschung über die Ende Januar ausgebliebene zweite Diskontsenkung vermochte die Börsenstimmung nachhaltig zu trüben. Vieles spricht dafür, daß sich die Tendenz an der Börse unabhängig vom Tempo der Restriktionslockerung entwickeln wird. Die Anleger wissen, daß eine Politik des leichteren Geldes kommen wird, für sie ist es uninteressant, ob die einzelnen, in diese Richtung weisenden Maßnahmen sofort oder erst in ein paar Wochen erlassen werden.

Nicht einmal die Karnevalstage konnten der Unternehmungslust Abbruch tun. Und dies, obwohl die auch jetzt noch keineswegs ausgestorbenen Pessimisten daran erinnerten, daß die höchsten Kurse des vergangenen Jahres gerade am Rosenmontag erzielt worden waren. Aber solche Unkereien zogen bisher nicht. Natürlich wissen die erfahrenen Börsianer, daß es keine Aufwärtsbewegung ohne Rückschläge gibt und daß auch jetzt eine technische Reaktion auf die ungewohnten Kursgewinne seit Mitte Januar eigentlich überfällig ist. Ja, ein großer Teil des Berufshandels, der frühzeitig Kursgewinne sichergestellt hat, wartet geradezu auf "schwache Tage", damit er Gelegenheit erhält, zu niedrigen Kursen wieder einsteigen zu können. Und gerade das macht die gegenwärtige Börsenverfassung so gesund. Denn es gibt eine gut greifende Bremse, die wirksam wird, sobald es wieder einmal abwärts gehen sollte.

Erst bei genauerem Hinsehen ist festzustellen, daß sich die Aufwärtsbewegung der Aktienkurse nicht völlig gleichmäßig vollzogen hat. Im allgemeinen wird man jedoch von einer generellen Kurskorrektur sprechen können, die einen Teil der in diesem Umfang offensichtlich übertriebenen Kursverluste wieder ausgeglichen hat. Die Feinabstimmung der Kurse wird vermutlich erst später, in einer ruhigeren Phase, erfolgen. Dann wird von Fall zu Fall zu prüfen sein, welche "Wunden" die sich wahrscheinlich dem Ende zu neigende Konjunkturflaute bei den einzelnen Gesellschaften hinterlassen hat.

Im Augenblick haben die Nachrichten über Dividendenkürzungen keine Wirkung auf die Börsentendenz. Die Ankündigung der Salzdetfurth-Verwaltung, die Ausschüttung von 14 auf 12 Prozent zurücknehmen zu müssen, führte sogar zu einer spürbaren Kursverbesesrung. "Es hätte ja noch schlimmer kommen können", war der Kommentar der Käufer.

Am überraschendsten kam für viele, besonders für die Börsianer an Rhein und Ruhr, die sensationelle Aufwärtsbewegung bei den Eisen- und Stahlaktien. Je weiter man vom Revier entfernt war, um so optimistischer beurteilte man die Zukunft dieser "hartgeprüften" Branche. Die Investitionsspritze der Bundesregierung, der Stahlauftrag der Sowjets sowie Spekulationen, daß der von den Managern der Eisenkonzerne in letzter Zeit gepflegte Pessimismus in der Hauptsache dem Zweck diente, die Sache der Kokssubventionen voranzutreiben, waren die Ursachen für die flotten Käufe der Außenseiter, denen sich die Düsseldorfer Börsenspekulation erst später und sehr zögernd anschloß. Prozentual hat es bei den Montanen die größten Kursgewinne gegeben. "Am Dreck", so spöttelten die Börsianer, "ist immer am meisten Geld zu verdienen." K. W.