• "Edvard Munch" (Braunschweig, Kunstverein): Eine monumentale Anomalie in der Kunst des Jahrhunderts nennt ihn im Katalogvorwort Pal Hougen, der Konservator des Munch-Museets Oslo; daraus erklärt sich, bei der gegenwärtigen Affinität zu künstlerischen Anomalien, das exorbitante Interesse für Munch, für bestimmte Aspekte seines Oeuvres. Braunschweig präsentiert, ein Glücksfall für Munch-Sammler und Kenner, bis zum 26. Februar 105 Radierungen, Lithographien und Holzschnitte, eine Auswahl, die in solcher Spitzenqualität in Deutschland noch nicht zu sehen war. Alle Blätter stammen aus dem Munch-Museet, das 15 000 Abzüge von den rund 750 Druckplatten der Munch-Graphik besitzt. Es wurden durchweg die besten Drucke ausgewählt (gerade bei der Munch-Graphik ist infolge der enorm hohen Auflagen die Qualität höchst unterschiedlich).

  • "Graphik aus der UdSSR" (Hamburg, Neues Kunst Zentrum Michael Osterweil): Sowjetrussische Kunst hat in der Bundesrepublik vorläufig noch Seltenheitswert. Freimütig gab der Botschaftssekretär Grischtschenko zu verstehen, daß es sich bei den Hamburger Exponaten nicht um Spitzenleistungen handle, vielmehr um mittlere Qualität, und als repräsentativ für die zeitgenössische russische Kunst könne die Ausstellung ebenfalls nicht gelten. Aber gerade das würde uns interessieren, eine Ausstellung, die nach Ansicht der russischen Experten als repräsentativ und informativ anzusehen wäre.

Wer etwa Ideologie erwartet hatte, kommt nicht auf seine Rechnung. Anatolij Kaplan, der mit 80 von 110 Blättern dominiert und auch im westlichen Ausland als Illustrator geschätzt ist, wird mit zwei lithographischen Zyklen vorgestellt, welche Texte der jüdischen Literatur illustrieren. Bei den Blättern zu Scholem Alejchems Roman "Tewje der Milchmann" fühlt man sich, nicht nur vom Milieu her, an Chagall erinnert. Aber Kaplans Szenen aus dem Leben jüdischer Kleinbürger im zaristischen Rußland sind realistischer, handfester, mit Humor und Folklore ausgestattet, es fehlt die Dimension des Phantastischen und Wunderbaren, in der Chagall von Witebsk berichtet.

Die restlichen Blätter stammen von vierzehn Leningrader Graphikern der älteren und mittleren Generation, eine kuriose Mixtur aus naiver Sonntagsmalerei und Matisse, Blumen, Genre, Landschaft, bunt und optimistisch und von Stilproblemen unbelastet wie hierzulande Sonderbriefmarken. Die Künstler bezeichnen sich seltsamerweise als "Leningrader experimentelle Graphikergruppe". Die Ausstellung bleibt bis Ende Februar in Hamburg und wird vom Braunschweiger Museum übernommen. Gottfried Sello