Von Thilo Koch

Thilo Koch: Herr Professor, Ihr großer internationaler Ruf als Städtebauer beruht auf der Kühnheit und Zähigkeit, mit der Sie dem modernen Leben in einer stark zerstörten Stadt – Hannover – zum Recht verhelfen haben. In Deutschland ist unendlich viel gutes Altes zerbombt worden; in Deutschland ist auch recht wild viel schlechtes Neues gebaut worden. Wie passen alt und neu am besten zusammen in einer Stadt? Wie soll vernünftige Pflege des baulichen Kulturerbes aussehen? Sie haben ja nicht nur einer Großstadt ein neues Gesicht gegeben; Sie haben auch versucht, möglichst viele vertraute Züge zu bewahren. Allerdings sagt man Ihnen eine sehr "mobile" Denkmalspflege nach.

Professor Hillebrecht: Die Kernfrage ist unser Verhältnis zur Stadt überhaupt. Ich meine, daß dieses Verhältnis nur lebendig erhalten oder lebendig gemacht werden kann, wenn im Bild einer Stadt auch ihre Geschichte sichtbar abzulesen ist. Die Bürger einer Stadt werden sich nur dann als Nachfolger vorhergegangener Generationen empfinden, wenn alte Bauten im Stadtbild eine Rolle spielen – sei es sogar durch kontrastierende Wirkung zu neuen Bauteil. Ich finde immer wieder, daß der große Wert unserer europäischen Städte einfach darin liegt, daß sie Geschichte erzählen, mehr und besser Geschichte erzählen als beispielsweise in Amerika. Welche Mühe geben sich amerikanische Städte, Vergangenheit ablesbar zu machen!

Koch: Denken Sie an Williamsburg im Staate Virginia, wo eine ganze Stadt aus der Kolonialzeit restauriert worden ist? Williamsburg allerdings ist ein einziges großes Museum.

Hillebrecht: Lebendige Städte sind keine Museen. Ich denke zum Beispiel an Boston und Philadelphia, wo man sich sehr große Mühe gibt, alte Bauten wieder nutzbar und sichtbar zu machen, also sie zu erhalten – inmitten der neuen und neuesten Bauten. Ich meine, daß Bauten in diesem Sinne sogar ein Symbol sind für die Geschichte des Menschengeschlechts. Das ist sehr pompös gesagt, ich weiß. Aber das Wort Symbol meint ja wörtlich: das Zusammentreffen von mehreren Faktoren. In Bauten haben Menschen gelebt, und sie haben dort Gedanken entwickelt, sie haben dort etwas getan, sie haben dort die menschliche Geschichte gemacht. Wir können uns niemals abtrennen von der Vergangenheit, die hinter uns liegt und auf der wir stehen. Dieses Zusammentreffen wird für michanschaulich in Bauten, und ich finde, es wäre eine Überforderung unserer eigenen Generation wie der nachfolgenden Generationen, wenn sie Geschichtsbewußtsein lediglich aus Schulbüchern erfahren, sprich "lernen" sollen.

Koch: Bauten der Vergangenheit verlieren allerdings manchmal ihre Zweckbestimmung. Mit der Abschaffung der Monarchie verwaisten die Schlösser.

Hillebrecht: Alte Bauten können nur erhalten werden, wenn man ihnen eine neue Zweckwidmung gibt, die ihre Erhaltung rechtfertigt. Baukunst ist angewandte Kunst, ist Gebrauchskunst. Man kann alte Geräte im Museum aufbewahren – vom Rad über Beile und Äxte, Löffel und Tassen, Bilder und Skulpturen, bis zu altem Kriegsgerät. Man kann Bauten schlecht ins Museum stellen; man kann höchstens Museen aus ihnen machen. Das ist freilich teuer und nicht immer gerechtfertigt. Deshalb ist es so wichtig, neue Zweckwidmungen, neue Gebrauchsaufgaben für alte Bauten zu finden, um sie zu erhalten, lebendig zu erhalten. Es war im Falle Hannover beispielsweise kein Problem, das ausgebrannte Opernhaus wieder aufzubauen, weil die Zweckwidmung Oper auch heute noch für uns Gültigkeit hat. Für das Leineschloß dagegen mußte ein neuer Zweck gefunden werden, denn wir haben jetzt keine regierenden Fürsten mehr, und es sieht auch nicht so aus, als ob wir zu einer Monarchie zurückkehren würden, geschweige zu einer niedersächsischen oder hannoverschen Monarchie. Deshalb habe ich seinerzeit vorgeschlagen,das Leineschloß zum Parlament des Landes Niedersachsen zu machen. Der neue Souverän, das Parlament, fand seinen repräsentativen Rahmen im Haus des alten Souveräns. Das halte ich im eigentlichen Wortsinne für legitim.